Artikel

Vom Blindfischen und vom Zu-viel-Sehen

Beim heutigen sonntäglichen Schwumm in der Seydlitzstraße hab ich besonders kritisch unter Wasser geguckt. Weil: Letztes Mal hatten wir ja Grobe Verunreinigung und ich sage Ihnen, Sie möchten nicht sehen, was ich in einem Eimer und noch vor Betreten des Beckens erblicken musste und was uns das letztwöchige Schwimmen unmöglich machte.

Ich war also heute mit Controlettiblick unter Wasser unterwegs. Die Lippen wie mit Silikon versiegelt, streng auf Nasenatmung bedacht. Was mag mir da entgegentrudeln? Oder unter mir herumdümpeln? An Haarballen oder Klopapierreste bin ich seit jeher gewöhnt. Haargummis gehören ebenfalls zum Standard. Oder Steinchen.

Die Crux ist ja: Ich bin eigentlich totaler Blindfisch und ohne Brille hilflos. Aber nur an Land. Denn mit frisch antigefoggter Schwimmbrille ist die Brechung unter Wasser im Becken tadellos. Zumindest so lange, bis der erste Nebelschleier wieder gnädig aufzieht.

Immerhin muss ich nicht, wie an einem anderen Ort, an dem ich eine Weile lebte, turtelnde Paare am Beckenrand des weit und breit einzigen Hallenbades sehen. Nichts gegen Paarsamkeit, meinethalben auch im Wasser, aber bitte nicht vor meinen Augen. Ich glaube, Menschen ohne Schwimmbrille und mit dem Kopf über Wasser haben keine Ahnung davon, WIE gut man unter Wasser sehen kann! Immerhin sind die Verschlungenen deutlich angenehmer anzusehen als Treibgut, das üblicherweise in Körperöffnungen hinein oder im Körperinneren aufbewahrt gehört, welches aber laut Auskunft von Bademeistern zu den üblichen Fundstücken im Wasser zählt.

Nach dem letztwöchigen Erlebnis frage ich die Kassendame, wie das denn so gekommen sei, mit der, pardon, Kackwurst im Schwimmerbecken. Den empfindlicheren Naturen unter Ihnen rate ich nun dezidiert, den nächsten Satz lieber NICHT zu lesen: Fragen Sie mich was Leichteres. Wir finden diese Dinge fast immer im Schwimmerbecken, kaum einmal im Kleinkinderbecken nebenan.

Es ist deprimierend. Und es steht offenbar schlimm um das Hygiene- und Sozialverhalten des gemeinen Schwimmbadbesuchers, der da offenkundig mit Absicht tut, was sich nicht gehört und nicht nur den Mitschwimmern Unbill sondern auch den Badmitarbeitern viel Arbeit verursacht.

Dabei genieße ich normalerweise das Gucken sehr, denn gerade in solchen Schwimmschwimmbädern mit 50-Meter-Bahnen und kaltem Wasser finden Sie meist gut trainierte, appetitlich anzusehende Männer in den Echtschwimmerbahnen. So auch im Stadtbad Tiergarten. Seit da einige schicke Hostels rund um den Hauptbahnhof erbaut wurden, macht das Unterwassergucking noch mehr Spaß: Viele durchtrainierte Jungmänner internationaler Herkunft tummeln sich dort. Jetzt, kurz vor dem Ende der Sommerferien besonders auch braun gebrannte. Das ist schon schön anzuschauen; so ein Schwimmerkreuz im klassischen V-Look in gut sitzender Badehose, das macht echt was her. Da gerät frau ins Seufzen und das natürlich vergeblich, denn für diese sportiven Jungmänner bin ich allenfalls eine schlurfige alte Schwimm-Oma kurz vor der Prilblumen-Gedächtnis-Badekappe.

Ja, und wenn Sie sich nun fragen Wo sind denn all die sportiven Frauen, die durchs Wasser pflügen? So mindestens im Namen der Gender-Gerechtigkeit?, da kann ich Ihnen nur antworten: Ich weiß es nicht. Es ist nämlich auffällig, in etwa einer 70:30er-Relation, dass meist Männer sportiv in den Schwimmerbahnen unterwegs sind. Vielleicht liegt es ja auch an der sonntäglichen Kaffeetrinkzeit, zu der ich schwimmen gehe? Ich habe keine Ahnung.

Ich habe den Verdacht, dass es sich um ein dem Gerätetraining in der Muckibude artverwandtes Phänomen handelt. Dort wird geschwitzt, geschindert und geächzt; es ist nicht vornehm, smalltalk- und teatimekompatibel, wenn es mich fordert und etwas bringen soll. Was richtig Kraft und Anstrengung erfordert, ist nicht clean, sondern immer etwas animalisch, schwitzig und kompetitiv und sei es nur mit mir selbst. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so viele Frauen mögen – richtig reinhauen, die eigene Kraft spüren und eher wild und ekstatisch als anmutig und gemäßigt sein.

Nun, falls Sie eine Erklärung für das Eine oder das Andere haben, lassen Sie es mich wissen. Ich habe ein Erkenntnisinteresse. In beiden Angelegenheiten.

Artikel

Grobe Verunreinigung

Es gibt ja so Dinge, da glaubt man, die gibt es gar nicht. Die Schwimmfreundin und ich stehen gerade vor dem sonntäglichen Schwumm in der Dusche, da … krchz … krchz … kommt die Durchsage durch den Lautsprecher: Wegen einer gr… krchz …ben krrrrchz … reinigung wird das Bad geschlossen. Krrrrchz … Bitte verlassen … krrrchz unverzüglich das Schwimm … krrrrchz … cken und begeben Sie sich … krrrchz … Aus … krrchz … ng.

Kein Wort verstanden, eine Ahnung davon, dass das Becken geräumt wird. Schwimmfreundin und ich gehen zum Schwimmmeister; der zeigt auf den Inhalt eines Eimers: Wegen dieser groben Verunreinigung da schließen wir jetzt das Schwimmbecken. Muss alles gereinigt werden.

Börps, da sahen wir, was wir gar nicht so genau sehen wollten.

Mal ganz ehrlich: Wer kackt da einfach in ein Schwimmbecken? Die kleinen Kinder, denen so was vermutlich noch passieren könnte, die sind doch eher im komplett abgetrennten Kleinkinderbereich zu finden, oder? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie so was passieren kann und der gute Augenblick, um die nicht minder genervten Bademeister mit Kescher und Eimer zu interviewen, war es auch nicht.

Tja, waren wir mal zum Duschen pur im Stadtbad Tiergarten und meine Laune ziemlich unterirdisch, hatte ich mich doch bei der schwülen Hitze auf meine zwei Kilometer bei auskömmlichen 27 Grad Wassertemperatur und auf die 50-Meter-Bahnen gefreut.

Jedoch: Man kann es halt nicht zwingen. Wenigstens ein Freiticket gab es für die Nonsens-Aktion zurück. Nur die Parkplatzgebühr, die konnten wir intern und gefühlt mit dem Gratisduschen verrechnen; das ist ein anderer Betreiber, das sind nicht die Berliner Bäder Betriebe, da gab’s nix retour.

Oder betrachten wir es philosophisch wie die Schwimmfreundin: Mensch, gut, dass wir noch nicht im Wasser waren, als die Durchsage kam. Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Erstveröffentlicht am 3. August 2014, während hier noch das Wasser eingelassen wurde, bei Frau Indica.