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Mein Schwimmunterricht in der DDR

Schwimmunterricht

Schwimmunterricht gehörte bei mir ab der 3. Klasse zum Stundenplan dazu. Ich bin auf dem Land groß geworden, unsere Gemeinde hatte keine eigene Schwimmhalle. Also fuhren wir zum Schwimmen mit dem Bus in die Schwimmhalle der Kreisstadt. Die Schwimmhalle war klein und verfügte damals nur über ein Becken mit 25 Meter Bahnen. Mittlerweile ist sie saniert und etwas umgebaut worden, ich war seit dem jedoch noch nicht wieder dort.

Wir Kinder wurden in Schwimmer- und Nichtschwimmer eingeteilt. Ich war in der Nichtschwimmer-Gruppe. Ziel war, das Schwimmen zu erlernen, was mit dem Schwimmabzeichen/Urkunde bestätigt wurde. Ich erinnere mich, daß wir uns an den Rand setzen mussten und der Schwimmlehrer uns mit einem beherzten Handschlag begrüßte und dabei ins Wasser zog. Heute funktioniert das anders. Es gab Kinder, die fanden das gar nicht lustig. Es gab Schwimmgürtel für jene, die sich gar nicht über Wasser halten konnten. Ich erinnere mich ausserdem vage an so auf Styrofoam schwimmende Stangen, an denen man sich festhalten konnte. Für das freie Schwimmen jedoch lief der Schwimmlehrer am Rand neben dem Becken her und hier eine Stange auf Armlänge vor uns Schwimmanfänger, an der wir uns im Falle von Schwäche festhalten konnten.

In meiner Zeichenmappe habe ich ein Bild gefunden, daß den Schwimmunterricht gut illustriert. Im März 1987 war ich 9 Jahre alt. Ich bin das Mädchen, was freudestrahlend ganz vorn im Bild von ihrer Schwimmbahn zurückläuft. Ich hatte Spaß am Schwimmen. So ging das: reinspringen, eine Bahn schwimmen (oder so weit man kommt), wieder rauskommen, zurücklaufen und hinten anstellen für die nächste Bahn. Eine Bahn, die vordere, gehörte uns Nichtschwimmern, im restlichen Becken sieht man die Schwimmer ihre Bahnen ziehen (die Bahn war eigentlich durch ein Seil abgegrenzt). Ein Kind trägt einen Schwimmgürtel. Wir trugen Badekappen! Das war Pflicht.

Schwimmabzeichen DDR

Im Laufe des Schuljahres erlernte ich Schwimmen, erreichte die Schwimmstufe G (Grundstufe) und mochte es, im Wasser zu sein. Die Grundstufe sagte aus, daß man 100 Meter Brustschwimmen kann. Der Schwimmunterricht ging nur ein Schuljahr lang. Später trat ich in den Schwimmverein ein und trainierte dort auf der langsamsten Bahn. Ich erreichte trotzdem die anderen Schwimmstufen LS 1-3 (Leistungsstufe 1-3).

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Schule machen

Wenn die meisten von uns heute übers Schwimmen reden, dann meinen wir die freiwillige Bewegung im Wasser, in unserem eigenen Tempo.

Aber – das war nicht immer so. Während meiner Grundschulzeit war das schulische Schwimmbecken gleich hinter der kleinen Bibliothek mein Lieblingsort der Erziehungsanstalt. Hier war ich nämlich die verdammte Königin der Bahn.

schwimmbad-assling

Aber lassen Sie mich ausholen:
Ich bin unsportlich. Und ich habe einen kaputten Nerv im rechten Bein. Sportunterricht haben sich die Höllenhunde ausgedacht, Leichtathletik ist gegen die Menschenwürde und wenn ich nochmal im Leben eine Kugel irgendwohin schmeißen muss, werfe ich sie auf denjenigen, dessen Idee das war.

Es war eine glückliche Fügung, dass meine erste Grundschule ein eigenes Becken und ich bis zu meinem 13. Lebensjahr kein Gefühl von körperlicher Unzulänglichkeit hatten. So fand ich mich einmal die Woche während des Unterrichts als auch regelmäßig in meiner Freizeit dort wieder und sammelte Kilometer. Die Bahn war nur 25 Meter, aber ich verbrachte halbe Tage darin. Mit bemerkenswerter Stoigkeit für eine 10jährige und damals schon der Freude am Alleinsein arbeitete ich an meiner Kraul-Technik und aß danach Streichwurstsemmeln mit Butter drunter.

Das verschaffte mir am Ende der vierten Klasse einen der besten Zeugnistage meines Lebens: Wie alle anderen auch, ging ich nach vorne zur Lehrerin, holte mir meinen Wisch ab und wollte schon wieder gehen, als sie mich zurück rief. Sie blätterte durch einen Papierstapel und händigte mir schließlich eine echte, gestempelte und unterschriebene Ehrenurkunde aus.

Eine Ehrenurkunde.
Für sportliche Betätigung.
Meine sportliche Betätigung.

4560m

Es stellte sich heraus, dass niemand an der Schule schneller geschwommen war. Kein Junge. Niemand aus den beiden Jahrgangsstufen über mir.

Kein Einser dieser Welt hätte mich in dem Moment glücklicher machen können. Die moppelige Brillenträgerin mit dem komischen Gang besaß den Beweis für ihre Sportlichkeit jetzt schwarz auf weiß.

Die Existenz dieser Urkunde zählt bis heute zu den ganz wenigen Dinge, auf die ich stolz bin. Nicht, weil ich mich besonders dafür angestrengt habe. Sondern, weil ich sie für etwas bekommen habe, das ich entsetzlich gerne tue. So sollte das viel öfter sein.