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Das Dunkle unter dir

Vom Versuch, in einem unbekannten See zu schwimmen

Der Mann und ich fahren gerade durch Polen und wenn wir in der Nähe eines Sees sind, wollen wir dort natürlich schwimmen. In unbekannten Gewässern ist das immer ein bißchen eine heikle Sache, vor allem wenn sich die Anwohner traditionell nur per Angelkahn ins Tiefe begeben. Aber es läßt sich schon von brandenburgischem Eiszeitsee auf großpolnischen Eiszeitsee schließen. Da gibt es weder Krokodile, noch schlimme Strömungen, höchstens unangenehm am Bauch kitzelnde Wasserpflanzen.
Zum Beispiel in diesem See waren wir unterwegs, er hatte sumpfig-bräunliches Wasser und es war angenehm, hineinzugehen, keine Wurzeln, kein Müll, keine Steine. Weiter draußen wurde das Wasser klarer und wir mußten nur auf die Segler aufpassen, denn in Polen ist man keine Schwimmer gewöhnt, die sich weit hinauswagen. Hier sitzt man eher auf hochsitzähnlichen Gebilden ein paar dutzend Meter vom Ufer entfernt, die man mit dem Boot anfährt, und angelt. Wir schwammen eine gute Strecke, ich war allerdings vorsichtig, weil ein Gewitter am Horizont rumpelte
Dieser See allerdings schaffte es, alle meine Urängste zu befeuern.
Eigentlich sieht er doch fein aus oder? Ein langer Sandstrand, ein Naherholungsgebiet dabei und Rettungsschwimmer. Wir stiegen an einer weiträumigen Steganlage ins Wasser und ich möpperte leise in mich rein, dass das Wasser außer Sumpfbräune jede Menge kleine Grünalgenbatzen enthielt. Der Mann braucht immer länger um sich akklimatisieren, ich schwimme oft schon im Flachen los, weil ich keine Lust auf Ziegelsteine und Baumwurzeln unter den Füßen habe. Beim Start glitschte etwas meinen Rücken entlang. Ein fauliger Ast. Uah! Ich quietschte das erste Mal.
Wir schwammen zügig auf den See, da trillerte uns jemand mit der Pfeife hinterher. Zwei Muskelmänner ruderten auf uns zu. Ich kannte das Spiel schon, im Strandbad Wendenschloß hatte mich auch mal ein Rettungsschwimmer zusammengefaltet, weil ich den Schwimmbereich verlassen hatte. Nur ist da eine Bundeswasserstraße mit vielen Booten, das verstehe ich noch. Die Muskelmänner waren näher gekommen, erzählten uns was auf polnisch und winkten uns in das inzwischen ziemlich weit entfernte 25×25-Meter-Stegquadrat zurück. Ich nahm mein Englisch zusammen und erklärte den Herren, dass wir Mittelstreckenschwimmer seien und immer um Seen schwimmen und das sehr gut könnten. Man entgegnete uns, dafür bräuchten wir eine Sondererlaubnis, das sei in Polen so. Der Mann meinte ok. die würden wir ihnen beim Zurückkommen zeigen und jetzt würden wir weiter schwimmen. Die Jungs drehten wieder ab und ich schwamm weiter.
Plötzlich sah ich, dass der Mann neben mir im Wasser herlief. Das war nämlich mitten auf dem See nur brusthoch. Es sei etwas schlammig, aber ok., meinte er. Ich senkte vorsichtig die Füße nach unten. In der Tat, ein weicher, leicht wabernder Untergrund. Ich schwamm trotzdem weiter. Was sollte ich mitten auf dem See laufen? Der Mann kam weiter aus dem Wasser, das nur noch oberschenkeltief war. Mich kitzelte etwas am Arm, dann am Bauch. Wasserpflanzen.
Mein Nackenfell sträubte sich. Ich sah mich mitten auf dem See in Wasserpflanzen und Schlick stranden wie in verirrter Wal. Keine Sicht nach unten, trotz geringer Wassertiefe, die Entfernung zum Steg, in dem wir eingestiegen waren, betrug gut 400 Meter, es war Horror. Der Mann lief weiter neben mir her und meinte plötzlich: „Oh, hier wird es tiefer, kalt und steinig!“, sackte etwas weg und begann wieder zu schwimmen. Dann war es vorbei mit meinem Urvertrauen zu Wasser. Ich bekam blanke Panik und wollte zurück. Mit gutem Zureden begleitete er mich zurück, ich konnte mich ja schlecht von dem Muskelmännern nach Haus rudern lassen, nachdem ich so dermaßen die große Klappe hatte. Dass ich beim Abtrocknen sah, dass mein Badeanzug und mein Körper von einer milimeterdicken Grünalgenschicht bedeckt waren, war dann das kleinste Problem.

Meine Erfahrung aus vielen Outdoor-Wasser-Kilometern: Es ist völlig irrational, wo einen die Angst in einem unbekannten Gewässer erwischt. Ob in einem flachen, eigentlich völlig harmlosen Waldteich oder in einem See im Industriegebiet, in dem man über versenkte Autowracks und Chemiefässer hinweg schwimmt.
Wasser ist nicht unser angestammtes Element, wir haben es mit der Geburt verlassen. Manchmal kehren wir mit Hilfe von sportlichen Techniken zurück, aber unsere Sinne sind dafür nicht ausgerichtet und so projizieren wir alles mögliche auf das, was wir unter uns nicht sehen. Im dunklen Wasser sehen wir das Dunkle in uns.

Meine Faustregeln (incl. wohlmeinenden Gemeinplätzen):

1. Schwimmen hier auch andere? Was allerdings in Ländern, in denen Schwimmen nicht zur Kultur gehört, keine Informationen bringt. Im Zweifelsfall fragen, ob das Schwimmen erlaubt ist.
2. Von bekannten Gewässern lassen sich recht gut Schlüsse ziehen. Ein See in einem Urstromtal, eine alte Kiesgrube, ein gefluteter Steinbruch oder Tagebau, ein Gebirgssee oder ein durch Wiesen mäandernder Fluss sind meist gleich aufgebaut.
3. Wie klar ist das Wasser? Hat es Ölflecken und Schaum? Riecht es komisch? Langsam fließende Gewässer, die aus Sümpfen gespeist werden, sind meist klar, aber dunkelbraun wie Eichenrindetee. Ebenso wie Sedimente, feiner Sand und Lehm, die einen Fluß gelb oder braun färben, harmlos sind. Ich habe auch kein Problem mit einer moderaten Menge Grünalgen im Hochsommer. Aber alles, was schäumt und nach Chemie oder Jauche riecht, sollte man meiden, logisch. Leichter Modergeruch ist ok.
4. Ist viel Industrie, Landwirtschaft (Viehställe), Urbanisation drumherum? Das ist nicht gut, besonders nach starken Regenfällen, die Kläranlagen überlaufen lassen und jede Menge Dreck ins Wasser schwemmen, genauso wie in manchen Ländern nicht vorhandene Kläranlagen. Auch viel Wassergeflügel kann Probleme in Form von juckenden Pusteln bringen, deren Parasiten probieren gern auch Menschen.
5. Welche Zu- und Abflüsse gibt es? Gibt es Staustufen oder Wehre? Gibt es Schifffahrtstrassen? Sind starke Strömungen zu sehen? Nie an Wehre oder Abflüsse heran schwimmen, keine Schifffahrtstrassen kreuzen, Strömungen in die Route einkalkulieren, nie dagegen gehen, um ein Ziel zu erreichen.
6. Bei Baggerseen, Talsperren und überfluteten Tagebauen daran denken, dass unter dem Wasserspiegel Hügel, Bauten und Bäume sein können und steile Ufer ggf. nicht rutschfest sind.
Ebenso technische Bauten, Kais, Steganlagen und Landungsbrücken besser meiden. In deren Nähe herrschen manchmal sonderbare Strömungen und beim Bau ist so mancher Müll im Wasser entsorgt worden
7. Nie, nie! einfach ins Wasser springen. Vorsichtig ins Wasser hineinlaufen, am besten Schwimmschuhe dabei tragen.
8. Wenn einem das Wasser nicht so sympathisch ist, auch und gerade wenn sich viele andere darin tummeln: Kein Wasser schlucken, nicht tauchen. Hinterher gleich duschen und gut abseifen.
9. Wenn man zu einer längeren Tour aufbricht, einen Zettel gut sichtbar in die Sachen legen, auf dem steht, dass man zu einer Schwimmtour unterwegs und wann man ungefähr zurück ist und anderen am Ufer liegenden Menschen Bescheid geben. Sonst wird man womöglich noch gesucht und „gerettet“.
10. Wenn einem plötzlich flau wird, weil der Untergrund sonderbar scheint- wenn die Kraft reicht bzw. die Strömung es ermöglicht, denselben Weg zurück nehmen oder aber den schnellsten Weg ans Ufer – aber da können durchaus Überraschungen lauern.

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Jugend am Sprungturm

Der Tag am Badesee beginnt früh. Ab 5.30 Uhr muss man damit rechnen, dass der oder die erste Schwimmer(in) sich forschen Schrittes dem Seeufer nähert. Meist schon in Schwimmkleidung, manchmal einen mehr oder weniger eleganten Bademantel darüber oder auch nur ein Handtuch um den Hals geschlungen. Es sind in der Regel grau-, bzw. weißhaarige Schwimmer(innen) deutlich jenseits des Rentenalters, mit hagerem noch recht durchtrainiertem Körperbau, die um diese Zeit ihre morgendliche Schwimmrunde absolvieren. Da der See für hiesige Verhältnisse relativ tief ist, schwimmen sie meist nur etwas hinaus in den See und kehren schnell zurück, denn um diese Zeit ist das Wasser noch recht kalt. Das weiß ich, weil ich mich von diesen Schwimmern bzw. Schwimmerinnen irgendwie herausgefordert gefühlt habe und es mal selbst probiert habe, so früh schon im See zu schwimmen.

Tatsächlich war es ein großartiges Erlebnis. Ich war an diesem Morgen wirklich die allererste Schwimmerin. Der See lag noch völlig unberührt, glasklar vor mir. Ich hatte einen guten Tag für diesen Morgenschwumm gewählt, und so war das Wasser über Nacht nicht ganz so stark abgekühlt, wie ich befürchtet hatte. Nach dem ersten „Hallo-Wach-Moment“, war es dann auszuhalten eine Weile zu schwimmen. Die Bäume des Waldes standen noch recht dunkel am Ufer, die Vögel waren etwas verhalten unterwegs. Während ich im See schwamm und rechts und links hinter mir eine Perlenkette von Luftblasen die Bahn markierte, ging dann die Sonne langsam hinter den Bäumen auf und warf ihr Licht zwischen den Bäumen hindurch aufs Wasser, wo sie eine sich langsam verbreiternde und immer intensiver leuchtende Spur zog. Für eine kleine Weile hatte ich diese morgendliche Idylle noch für mich alleine, dann sah ich, wie sich am Ufer der erste Senior näherte. Der wiederum war reichlich irritiert, dass da offenbar schon jemand vor ihm in den See gestiegen war. Die morgendlichen Schwimmer sind eine kleine aber eingeschworene Truppe und mich kannte er natürlich nicht. Wir nickten uns nur kurz zu, und ich bildete mir ein, dass in seinem Nicken ein Hauch von Anerkennung mitschwang.

An manchen Tagen kann es im Laufe des Vormittags passieren, dass plötzlich ein Mann in einem Neoprenanzug am See auftaucht, wort- und grußlos ins Wasser steigt und so gut wie lautlos Richtung gegenüberliegendes See-Ende davon krault. Diese Szene hat immer etwas irgendwie Geheimnisvolles und Irreales. Da der Mann sehr schnell unterwegs ist, ist er recht bald kaum noch mit bloßem Auge auszumachen, und man fragt sich, ob er überhaupt wirklich da gewesen ist oder ob man ihn sich nur eingebildet hat. Wenn er zurückkehrt, steigt er genauso wortlos und kaum ausser Atem wieder aus dem Wasser und verschwindet. Wohin, weiß niemand.

Ansonsten bleibt der See am Vormittag meist von weiteren Schwimmern verschont. Selten mal sieht man Touristen, die im Landgasthof übernachtet haben, die in einem heroischen Akt gegen 10 Uhr einen Morgenschwumm absolvieren aber meist nicht lange im Wasser bleiben, weil sie doch von der Kühle des Wassers überrascht sind. Selbiges gilt für die Gäste des Seeschlosses an einem der Seitenufer des Sees. Die haben sogar einen eigenen Zugang zum See direkt auf dem Hotelgelände. Aber unter diesen Gästen ist es noch seltener, dass sie schon so früh am Tag im See schwimmen.

Am späten Mittag, so etwa ab 14.00 Uhr (die Mecklenburger stehen sehr früh auf und essen dementsprechend auch schon sehr früh zu Mittag; so etwa ab 11 Uhr (!)) tauchen die ersten Mütter mit Kleinkindern auf. Sie breiten große Badelaken oder Decken aus, lagern sich auf dem Rasen unter den uralten Bäumen und lassen die Kleinen ihren Mittagsschlaf in deren Schatten beenden. Wenn die Kleinen dann ausgeschlafen haben, geht das Plantschen im Bereich des breit angelegten Einstiegs in den See los. Es wird deutlich lauter am See.

Zwischen 15.00 und  16.00 Uhr tauchen dann die ein wenig älteren Geschwister und die ersten Teenies und Jugendlichen am See auf. Die Teenies fallen gleich in kleinen Horden ins Gelände ein und schleppen allerhand Zeug wie Luftmatratzen, aufblasbare kleine Bötchen, Bälle, etc. mit sich. Nun geht das Gekicher und Geschrei los. Wenn man ihr Verhalten am See in ein Wort fassen müsste, würde ich sagen: raumgreifend!

Die Mütter der Kleinkinder werden sichtlich nervöser und versuchen kleinere Zusammenstöße und Unfälle zu vermeiden. Die wilde Horde rennt sonst schon mal gerne eines der kleineren Kinder um, oder es brechen plötzlich wilde Wasserschlachten aus, in deren Spritzgewittern die Kleinen schnell mal die Orientierung verlieren oder von Wasserspritzerkasskaden getroffen in lautes Geheul ausbrechen. Dann ist es aber mit der Geduld der Mütter auch vorbei und sie rufen die Teenies mit deutlichen Ansagen zur Ordnung. Für etwas fünf Minuten trägt das durchaus Früchte. Danach geht das Theater von vorne los. Trotzdem scheinen sich alle prächtig zu amüsieren.

Etwas zwischen 16.00 und 17.00 Uhr tauchen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene auf; entweder in kleiner Cliquen-Stärke oder als Pärchen. In der Regel orientieren sie sich gleich in Richtung auf den Badesteg ganz rechts. Der hat nämlich eine Besonderheit, einen Sprungturm. Der mittlere Badesteg wird in erster Linie gerne von Touristen belegt, der linke Badesteg von den Einheimischen, die dem Jugendalter entwachsen sind. Die Einheimischen wandern allerdings im Laufe des Nachmittags bzw. gegen Abend, wenn die Schatten anfangen den linken Badesteg zu fressen weiter auf den mittleren Steg.

Aber zurück zu den Jugendlichen, die auf dem ganz rechten Badesteg ihr Lager aufschlagen und dort gerne Stunden mit allerhand Balzgehabe zubringen. Die männlichen Exemplare sondern allerhand coole Sprüche ab, reißen in einem fort Witze und stolzieren  auf dem (sehr langen!) Badesteg herum. Dabei präsentieren sie ihre braungebrannten und antrainierten Muskeln inklusive erster Tattoos. Die holden Jungfrauen jungen Mädchen tun betont uninteressiert und linsen doch höchst aufmerksam, was die Gockelchen jungen Kerle da so aufführen.

In unregelmäßigen Abständen brechen kleine Hahnenkämpfe aus, die meistens damit enden, dass sich die Kerle gegenseitig ins Wasser werfen, bis sie auf die Idee kommen, dass es noch lustiger wäre, die Mädchen ins Wasser zu werfen. Großes Gekreisch und halbherzig vorgebrachte Drohungen, die natürlich nichts nutzen, von Seiten der Mädchen und am Ende sind sie alle im Wasser. Einige werfen sich gegenseitig kleine Tennisbälle oder Ringe zu, andere sondern sich in Pärchen von der Gruppe ab und schwimmen weiter hinaus oder in Richtung einer der kleinen etwas abgelegeneren Ufereinbuchtungen.

Jugend am Sprungturm

Haben die Mädchen keine Lust mehr im Wasser zu sein, wandern alle wieder auf den Steg und die Jungen erklettern den Sprungturm und zeigen ihre Sprungkünste. Wer darin nicht sonderlich talentiert ist, probiert es mit Arschbomben (knapp neben die auf dem Steg sonnenden Mädels gezielt), deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nach meiner Beobachtung bringt das aber eher weniger Sympathiepunkte, erzeugt aber wieder viel Gekreisch.

Jugend am Sprungturm

Bei den springenden Jungs sind meist auch ein oder zwei Mädels, die die Rolle „Kumpel zum Pferdestehlen“ geben und ebenfalls unter dem großzügig anerkennend (allerdings auch ohne jeglichen erotischen Beiklang) gewährten Beifall der Jungs ihre Sprungkünste zeigen.
Haben sich alle müde gesprungen, gibt es gerne auch noch diverse Wettschwimmen: Jungs gegen Jungs, Jungs gegen Mädels. Danach ist Chillen (und Schmusen) auf dem Badesteg angesagt. Manche verlegen das Schmusen aber auch unter oder gleich hinter einen der rückwärtigen alten Bäume auf der Liegewiese.

Ab 16.00 Uhr etwa (nach dem Tee!) sieht man dann auch erstmals Gäste des Seeschloß-Hotels in größerer Anzahl auf den bereitgestellten Liegen und an ihrem Badesteg, wo sie ins Wasser steigen und im hinteren Teil des Sees ihre Bahnen ziehen. Von dort nähert sich dann auch erstmals das ein oder andere Tret- oder Ruderboot, dem Badebereich des normalen Seepublikums. Aber die Gäste vom Hotel bleiben in der Regel lieber unter sich. Selten mal verirren sich welche – erkennbar am hoteleigenen strahlendweißen Bademantel – zum allgemeinen Badeplatz.

Noch eine weitere Gruppe taucht ab etwa 16.00 Uhr wieder am See auf. Die Rentner und Alten aus dem Dorf. Stoisch marschieren sie durch das Bade- und Plantsch-Chaos im Uferbereich und schwimmen dann diszipliniert ihre Bahn im See. Danach gehen manche gleich wieder nach Hause. Andere übernehmen die Aufsicht über ihre kleinen Enkelkinder und entlasten die Mütter etwas. Wieder andere setzen sich auf den ganz linken oder den mittleren Badesteg und tauschen sich mit anderen Senioren über den neuesten Dorfklatsch aus oder kommentieren das Bade- und Schwimmgeschehen.

Ab 17.00 Uhr tauchen dann die ersten Väter auf, die sich zu ihren Frauen und kleinen Kindern gesellen und sich eine Abkühlung und Erfrischung nach der Arbeit gönnen. Meist übernehmen sie dann auch die Aufsicht über die Kinder und Oma/Opa bzw. die Mütter können selbst nochmal eine Bahn durch den See schwimmen. Lange müssen die Väter die Kleinen aber nicht beaufsichtigen, denn die meisten Familien mit kleinen Kindern packen dann bald ihre Sachen und orientieren sich heimwärts (Mecklenburger stehen nicht nur sehr früh auf, sie gehen auch früh schlafen). Auch viele Touristen räumen langsam ihre Badetücher und Decken zusammen, suchen Schwimmequipment und eisen ihre Kinder vom See los. Das Abendessen ruft!

Die Jugendlichen und einige ältere aber relativ jungverliebte Paare sind in der Regel die Ausdauerndsten am See und schwimmen immer wieder mal hinaus auf den See. Doch je tiefer die Sonne  hinter die Bäume sinkt, je weiter die abendlichen Schatten sich vorarbeiten desto mehr nehmen auch die Mücken überhand und irgendwann vergeht es auch dem letzten, noch im See zu schwimmen oder auf dem Badesteg oder der Badewiese als Selbstbedienungsbüffet für die Mücken zu dienen.

Später als 20.00 Uhr sieht man höchstens noch frisch eingetroffene Touristen, die im Landgasthof abgestiegen sind, die nach der anstrengenden Anreise oder nach einem langen Ausflugstag noch schnell eine Abkühlung im See (vor der Tür) nehmen wollen. Es sind zwar vielleicht auch noch Jugendliche am See aber die bleiben dann auf dem Badesteg und steigen nicht mehr ins Wasser.

Ist die Sonne schließlich ganz untergegangen, kehrt endgültig Ruhe ein am See. Höchstens noch das ein oder andere verliebte Pärchen (Einheimische oder Touristen) ist irgendwo auf einem der in Dunkelheit gehüllten Badestege. Man hört sie bei entsprechender Windrichtung flüstern und kichern.

Ganz ganz selten, gibt es jemand Verrücktes, der wenigstens noch ein paar Züge im Stockfinsteren macht. Ich fühle mich herausgefordert und irgendwann wird der Tag kommen, wo ich ganz allein bei Vollmond im See schwimmen werde.

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Schwimmen durch München: Das Schyrenbad

Für mich ist das Schyrenbad das nächstgelegene: Mit dem Fahrrad bin ich in 10 Minuten dort.
Für den Rest der Welt ist es das älteste Freibad Münchens mit bewegter Geschichte.

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Vor allem aber verfügt es über ein 50-Meter-Becken mit zwei abgeteilten Schwimmbahnen. Und die nutze ich gerne. Wenn die Temperaturen, wie heute, deutlich unter Badewetter liegen, ziehe ich mich im Gebäude mit den Spinden um und lasse alle Kleidung und alles Gepäck in einem der Spinde (Spindpfand ist eine 2-Euro-Münze oder die aufladbare Bäderkarte der Münchner Stadtwerke, die ich als Vielschwimmerin selbstverständlich besitze).

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Bei Badewetter lasse ich lediglich Geldbeutel und Hausschlüssel in einem der Minispinde gleich rechts vom Eingang und breite meine sonstigen Sachen auf einer Liegewiese aus.

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Ab ins Wasser. In der Mitte des Beckenrands sehen Sie einen mechanischen Aufzugstuhl, mit dem bewegungseingeschränkte Menschen ins und aus dem Wasser kommen. Allerdings muss ein zweiter Mensch kurbeln.

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Heute teilte ich mir die Bahn die meiste Zeit sehr entspannt mit anderen Schwimmern und Schwimmerinnen, erst auf den letzten 500 Metern irritierte mich ein Herr, der mich an einer Wende mit mächtiger Bewegung überholte, dann aber etwas langsamer schwamm als ich. In solch einem Fall wechsle ich meist einfach die Richtung, um dieser Schwimmeinheit möglichst lange nicht mehr zu begegnen.

Etwas wärmer war es geworden, doch immer noch weit von Badewetter entfernt. Ich duschte im Umkleidegebäude, zog mich in einer Umkleidekabine um, bemerkte, dass ich meinen Bikini in der Dusche vergessen hatte und holte ihn, nutzte einen der kostenlosen Föhns, um meine Haare zu trocknen (tief verwurzelte Überzeugung, dass ich mit nassen Haaren sofort krank werde).

Einen Kiosk hat das Schyrenbad schon auch, doch dort habe ich noch nie eingekauft.

Hier das Schwimbecken bei Badewetter von der gegenüberliegenden Seite (vor genau einem Jahr).

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Der Klemmstein von Vico

Seit Januar 2011 bade ich andauernd im Meer. Baden statt schwimmen. Mich interessiert weniger das Wasser als das Litoral, die Saumbereiche zwischen Erde und Wasser. Schwimmen ist eher Mittel zum Zweck. Das Meer hinter dem Litoral ist sowieso Nirvana.

Es geschieht im Oktober 1902. Das ist natürlich ausgedacht, es könnte auch 1802 oder 2002 sein. Die überhängende Rückwand der Schlucht zeigt Schwächen. Erst ist es nur ein Riss, dann ein Spalt, dann eine Lücke. Dann löst sich ein kühlschrankgroßer Stein vom Felsen. Die Schwerkraft ist stärker als die Anziehung der Kristalle, aus denen der Stein besteht. Der Stein fällt. Er kommt nicht weit. Nach fünf Metern verkeilt er sich zwischen den Wänden der Schlucht, die nach unten zusammenlaufen. Der Stein klemmt fest.

Es war so einfach, ihn zu ignorieren. Ein Jahr lang schwamm und kletterte ich um ihn herum, ohne, dass er mir auffiel. Zwar sah ich die meterhohen Klippen aus Granit. Ich sah auch die tiefen Spalten zwischen den Granitblöcken. Das Rinnsal, das über den Pfad läuft und dann, auf dem Weg ins Meer, zwischen den Felsen versickert. Die Napfschnecken an den nassen Steinen. Die Risse und Stufen im Granit. Nur den Klemmstein sah ich jahrelang nicht, obwohl er direkt vor meinen Augen war.

Im “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” erfindet Douglas Adams das “PAL”-Feld, eine Methode, ein großes Objekt verschwinden zu lassen, ohne es wirklich verschwinden zu lassen. Man macht es zu einem PAL, einem Problem anderer Leute. Der Klemmstein ist eindeutig nicht das Problem der allermeisten Leute, wenn es andere Leute gibt, deren Problem er ist, dann muss ich sie noch finden. Selbst Jim, der zu jedem Grashalm an der Badestelle eine persönliche Beziehung hat, nahm den Klemmstein nicht einmal zur Kenntnis, als ich darauf zeigte und laut “da, ein Klemmstein” sagte. Ich musste es dreimal sagen.

Als ich den Stein einmal bemerkt hatte, konnte ich nicht mehr wegsehen. Es war ganz offensichtlich, welche Aufgabe ich lösten musste. Es galt, auf dem Klemmstein zu stehen. Es ist keine leichte Aufgabe, aber auch keine unlösbare. Sie korrespondiert einwandfrei mit meinen Fähigkeiten. Im Vergleich zu den anderen Badenden sind meine Kletterfähigkeiten relativ beeindruckend, im Vergleich zu richtigen Kletterern jedoch eher erbärmlich. Dasselbe kann man über meine Risikobereitschaft sagen. Der Klemmstein ist genau so angebracht, dass er die meisten anderen unmöglich, für echte Abenteurer langweilig, für mich jedoch herausfordernd ist.

Ein Beobachter auf dem Stein befindet sich in einer bemerkenswerten Position. Der Eingang zur Schlucht liegt direkt gegenüber der Ebbeleiter, drei, vier Schwimmstöße entfernt. Der Klemmstein selbst ist nur von einer einzigen Stelle der Badestelle sichtbar, vom vordersten Ende des Steges, allerdings nur, wenn man sich ein wenig vorbeugt. Selbst wenn die Badestelle voll ist mit nackten Menschen, auf dem Klemmstein bliebe man unbemerkt. Mehr noch – vom Stein aus sind Orte sichtbar, die man ansonsten gar nicht betrachten kann. Man steht direkt vor dem Hinterende der Schlucht, das überdacht ist und daher eher ein Loch ist als eine Schlucht. Ein tiefes, dunkles, nasses Loch. Verborgen zu sein und Verborgenes sichtbar zu machen, das ist das Karma des Klemmsteins.

Die Bezwingung des Klemmsteins: eine Aufgabe mit zwei sehr unterschiedlichen Lösungswegen. Bei Ebbe ist der Stein nur durch Klettern zu erreichen. Die Schlucht ist fast trocken, ihr Boden sichtbar, der Klemmstein mehrere Meter in der Luft.   Man muss von oben in die Schlucht hineinsteigen, sich an ein paar Vorsprüngen hinuntertasten, bis man auf dem Klemmstein steht. Nachteil: Man kann abrutschen und am Boden zerschellen. Wahrscheinlichste Todesart: Genickbruch.

Bei Flut stellt sich das Problem völlig anders da. Der Stein ist jetzt bis zur Oberkante mit Wasser bedeckt, die Wände der Schlucht nass, klettern zu riskant. Stattdessen kann man zum Stein schwimmen. Nachteil: Die Schlucht ist zu eng für Schwimmbewegungen. Außerdem verstärkt sie die Wellen, selbst bei geringer Dünung entstehen in der Schlucht meterhohe Wasserberge. Wahrscheinlichste Todesart: Würdeloses Ertrinken.

Ich erreiche den Stein genau zweimal bei Flut und einmal bei Ebbe. Für die Nachwelt empfehle ich die Flutbesteigung. Man benötigt einen sehr ruhigen, warmen Tag, vielleicht im Sommer oder Herbst, am besten bei Voll- oder Neumond, damit die Flut schön hoch steht. Solche Tage sind selten, aber wenn man einen findet, ist der Klemmstein ein Kinderspiel. Zwei, drei Planschbewegungen in der Schlucht, dann ein halber Klimmzug, und fertig.

Ein anderes Mal klettere ich hinunter. Es ist spät am Abend, niedrige Ebbe, niemand außer mir an der Badestelle. Das Problem: Ich komme nicht wieder raus. Die Wände der Schlucht sind glatt und nass, die wenigen Griffe und Tritte zu hoch. Eine Weile stelle ich mir, auf dem Klemmstein zu warten, bis die Flut zurückkommt, sechs Stunden lang, bis tief in die Nacht hinein. Käfer so groß wie mein Daumen krabbeln um mich herum. Liga oceanica, die Klippenassel, oder auf englisch der Kakerlake des Meeres. Schließlich benutze ich eine Napfschnecke als Fußtritt. Sie hält lang genug, um den nächsten Griff zu erreichen, bricht dann aber unter meinem Gewicht ab. Den Angehörigen der Napfschnecke möchte ich noch mitteilen, dass es mir leid tut.

Vom Klemmstein aus gibt es viel zu sehen. Das Loch am Ende der Schlucht ist eindeutig mehrere Meter tief, es reicht bis unter den Pfad. Wasser topft aus dem Überhang, aus den Wänden, aus dem Loch selbst. Die Schlucht ist selbst an warmen Sommertagen kalt und nass. In absehbarer Zeit wird das Dach der Schlucht nachgeben und einstürzen. Der gesamte Abhang, der auf den Klippen ruht, wird abrutschen. Es kann jede Minute passieren, der geologische Zeitpfeil ist unmissverständlich. Der Tag wird in die Geschichte eingehen als “der große Erdrutsch von Vico”. Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein. Ich kann es kaum erwarten.

Die Amerikaner haben es geschafft, insgesamt zwölf Männer auf dem Mond zu schicken. Zwölf Männer standen auf dem Felsen, der 384000 Kilometer von der Welt entfernt ist. Außer mir stand kein einziger Mensch je auf dem Klemmstein, der nur drei Meter von der Welt entfernt ist. Jedenfalls werde ich das behaupten.

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Schule machen

Wenn die meisten von uns heute übers Schwimmen reden, dann meinen wir die freiwillige Bewegung im Wasser, in unserem eigenen Tempo.

Aber – das war nicht immer so. Während meiner Grundschulzeit war das schulische Schwimmbecken gleich hinter der kleinen Bibliothek mein Lieblingsort der Erziehungsanstalt. Hier war ich nämlich die verdammte Königin der Bahn.

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Aber lassen Sie mich ausholen:
Ich bin unsportlich. Und ich habe einen kaputten Nerv im rechten Bein. Sportunterricht haben sich die Höllenhunde ausgedacht, Leichtathletik ist gegen die Menschenwürde und wenn ich nochmal im Leben eine Kugel irgendwohin schmeißen muss, werfe ich sie auf denjenigen, dessen Idee das war.

Es war eine glückliche Fügung, dass meine erste Grundschule ein eigenes Becken und ich bis zu meinem 13. Lebensjahr kein Gefühl von körperlicher Unzulänglichkeit hatten. So fand ich mich einmal die Woche während des Unterrichts als auch regelmäßig in meiner Freizeit dort wieder und sammelte Kilometer. Die Bahn war nur 25 Meter, aber ich verbrachte halbe Tage darin. Mit bemerkenswerter Stoigkeit für eine 10jährige und damals schon der Freude am Alleinsein arbeitete ich an meiner Kraul-Technik und aß danach Streichwurstsemmeln mit Butter drunter.

Das verschaffte mir am Ende der vierten Klasse einen der besten Zeugnistage meines Lebens: Wie alle anderen auch, ging ich nach vorne zur Lehrerin, holte mir meinen Wisch ab und wollte schon wieder gehen, als sie mich zurück rief. Sie blätterte durch einen Papierstapel und händigte mir schließlich eine echte, gestempelte und unterschriebene Ehrenurkunde aus.

Eine Ehrenurkunde.
Für sportliche Betätigung.
Meine sportliche Betätigung.

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Es stellte sich heraus, dass niemand an der Schule schneller geschwommen war. Kein Junge. Niemand aus den beiden Jahrgangsstufen über mir.

Kein Einser dieser Welt hätte mich in dem Moment glücklicher machen können. Die moppelige Brillenträgerin mit dem komischen Gang besaß den Beweis für ihre Sportlichkeit jetzt schwarz auf weiß.

Die Existenz dieser Urkunde zählt bis heute zu den ganz wenigen Dinge, auf die ich stolz bin. Nicht, weil ich mich besonders dafür angestrengt habe. Sondern, weil ich sie für etwas bekommen habe, das ich entsetzlich gerne tue. So sollte das viel öfter sein.

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Schwimmerinnen

Indica merkte an, dass sie kaum Frauen auf den ernsthaften Schwimmbahnen sieht:

Es ist nämlich auffällig, in etwa einer 70:30er-Relation, dass meist Männer sportiv in den Schwimmerbahnen unterwegs sind.

Ihr Erklärungsversuch:

Ich habe den Verdacht, dass es sich um ein dem Gerätetraining in der Muckibude artverwandtes Phänomen handelt. Dort wird geschwitzt, geschindert und geächzt; es ist nicht vornehm, smalltalk- und teatimekompatibel, wenn es mich fordert und etwas bringen soll. Was richtig Kraft und Anstrengung erfordert, ist nicht clean, sondern immer etwas animalisch, schwitzig und kompetitiv und sei es nur mit mir selbst. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so viele Frauen mögen – richtig reinhauen, die eigene Kraft spüren und eher wild und ekstatisch als anmutig und gemäßigt sein.

Frau Nessy hat sich ebenfalls dazu Gedanken gemacht:
Sportive Frauen, die durchs Wasser pflügen
Animalische Anstrengung

Erst dadurch ist mir bewusst geworden: Die Geschlechterrelation hat sich in den vergangenen Jahren verändert.

Meine erste intensive Schwimmphase fiel in mein Studium. Zwischen 1990 und 1993 schwamm ich in der Hallenbadsaison ein- bis zweimal wöchentlich 2000 Meter (danach abgelöst von Aerobics). Und damals waren Frauen und Rentner ganz klar die Mehrheit im Augsburger Spickelbad, unter den Frauen auffallend viele deutlich über Konfektionsgröße 38. Schwimmen schien eine Bewegungsform für Menschen, denen das halt Spaß machte. Dicke, bewegungsfreudige Menschen konnten sich im Hallenbad unbehelligt austoben. Denn Schwimmen war etwas ganz Persönliches, etwas Wohltuendes, aber einen ehrgeizigen oder gar kompetitiven Sportaspekt hatte Freizeitschwimmen nicht.

Jetzt, auf den Schwimmbahnen Münchner Bäder, sind tatsächlich Männer in der Überzahl. Ihnen und den deutlich weniger Frauen sieht man mit wenigen Ausnahmen an, dass das für sie „Training“ ist. Ein Symptom: Viele schwimmen mit Spielzeug – Handschaufeln, Fußflossen, Schwimmflügerl für zwischen die Beine, Wasserwachtbretterl. Schwimmen, so scheint es, ist cool geworden, ein Hobbysport mit Zielen, mit Prestige-erzeugendem Zubehör. Anders betrachtet: Schwimmen ist heute ein Markt, auf dem sich etwas verkaufen lässt.

Und in ernsthaftem und vermarktbarem Sport mit Wettbewerbshintergrund, in dem Konkurrenz herrscht, in dem man einander vergleicht und beobachtet, überwiegen automatisch die männlich Sozialisierten (siehe Joggen, Radeln, Tennis).

Nun kann ich nicht beurteilen, ob das einfach der Unterschied zwischen Provinzbad und Metropolenbecken ist. Beobachten Kleinstadtschwimmerinnen dasselbe Phänomen?

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Mit Delfinen schwimmen

Ich hatte es nicht so mit Pferden. Ich war ein Delfinmädchen und wollte Meeresbiologin werden (und Pilotin, Schauspielerin, Opernsängerin, Hotelmanagerin, Pfarrerin, Bundeskanzlerin und vieles mehr). Ich stellte mir vor, dass Meeresbiologinnen jeden Tag mit Flipper und seinen Freunden schwimmen und dabei bahnbrechende Forschungsergebnisse über das soziale Miteinander der Tümmler herauszufinden.

Mit den Jahren erweiterte sich mein Meeressäugerinteresse bis hin zu Walfischen. Dies manifestierte sich unter anderem im Kauf einer Walgesangs-CD im Greenpeace-Fanshop, die ich aber nie vollständig gehört habe.

Da ich lange Jahre Delfinshows verweigerte, ergab sich allerdings erst in meinem 17. Lebensjahr die Gelegenheit, echte Delfine aus nächster Nähe zu sehen.

Mit einer Gruppe methodistischer Jugendlicher – ich besuchte diese Kirche, weil der Vater einer amerikanischen Schulfreundin dort Pastor war und es sich um eine relativ liberale Kirche handelte – reiste ich eine Woche nach dem Springbreak nach Panama City Beach. Dort ist es heiß, staubig und wenig schön. Aber das war egal, denn ich wusste, am dritten Tag würden wir im Meer mit wilden Delfinen schwimmen gehen.

Ich malte mir aus, wie zwei Delfine jeweils mit ihrer Nase unter eine meiner Fußsohlen schwimmen, mich aus dem Wasser drücken und ich mit ihrer Hilfe über den Meeresspiegel rausche. Mir war klar, das brauchte sicher mehr Zeit als eine 30-minütige Schnorcheltour. Aber ich war mir sicher, die wilden Delfine würden neugierig und zutraulich auf uns zukommen, sich streicheln lassen und allerlei Schabernack mit uns treiben.

Mit einem Boot fuhren wir an eine Stelle nah der Küste. Das Meer war kristallklar, warm und auf dem Grund konnte man den weißen Sand sehen. Wir nahmen unsere Schnorchel und sprangen ins Wasser.

Es gab tatsächlich sehr viele Delfine an dieser Stelle. Gleichzeitig kamen auf jeden Delfin etwa zwei Motorboote mit wesentlich besser vorbereiteten Menschen als wir.

Während wir uns einzig auf den angeblichen Spieltrieb der Delfine und die Anziehung unsere jugendlichen Begeisterung verließen, hatten die anderen Touristen Fisch mitgebracht.

Delfine sind sehr kluge Tiere. Sie haben keine Lust, mit Jugendlichen zu schwimmen und zutrauliche Idioten zu spielen. Sie wollen ihre Ruhe, unter sich bleiben und ab und an einen guten Happen Fisch.

Ich änderte meine Strategie und lauerte den Delfinen in der Nähe der Boote mit Fischbelohnungen auf. So schwammen tatsächlich zwei Tiere ganz dicht an mir vorbei. Bis heute bilde ich mir ein, dabei einen der Delfine kurz berührt zu haben.

Schlussendlich beendete dieses ernüchternde Treffen von zwei Spezien im Wasser mein Meeresforschervorhaben. Auch in Anbetracht meiner Angst davor, tief zu tauchen, sicher eine kluge Entscheidung.

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3000 Meter Sonnenbaden

Seit einigen Jahren nutze ich sommers die Münchner Freibäder für meine Schwimmerei. Das müsste ich nicht, denn die Hallenbäder sind in dieser reichen Stadt auch in den Sommermonaten geöffnet. Doch seit ich entdeckt habe, dass es in München nicht nur erstaunlich viele Freibäder gibt, sondern darin erstaunlich viele 50-Meter-Becken und darin wiederum einige abgeteilte Schwimmbahnen, ignoriere ich das sonst so geschätzte Olympiabad zwischen Mai und September.

Doch da mag ich noch so sehr Abitur haben und Mag.art. sein: Dass man sich bei Sonnenschein fürs Schwimmen im Freien besser mal mit hochfaktorischer Sonnencreme schützen sollte, musste ich erst durch einen schmerzhaften Sonnenbrand vor zwei Jahren lernen. Der mir gleichzeitig die Ganzkörperanzüge anderer Freibadschwimmerinnen erklärte.

Seither lasse ich mir den Rücken daheim ordentlich eincremen und hole mir über die Sommerwochen beim Schwimmen sanft weiße Streifen. Und zwar seit diesem Jahr vom Bikini, jawohl. Ein Oberteil mit Bügeln und Nackenhalter verrutscht nämlich auch beim Kraulen nicht, und die Bikinihose habe ich mir im Winter von der Änderungsschneiderin eng genug machen lassen, dass ich sie auch beim energischen Schwimmen nicht verliere.

Nach dem zweiten Sonnenschwimmen im Schyrenbad bemerkte ich allerdings verwundert, dass sich der Bikini auch auf meiner Vorderseite abzeichnete, die ich gar nicht in die Sonne gehalten hatte. Beim nächsten Schwumm achtete ich auf die Ursache: Der Boden des Schwimmbeckens im Schyrenbad besteht aus Metall und reflektiert lustig flackernd die Sonnenstrahlen – allerdings wohl so stark gefiltert, dass sie mich auch ohne Sonnenmilch nicht verbrennen. Sonnenbaden in Bahnen, sehr großartig.

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Headbangen im Schwimmbad

Preisfrage: Was hat eine Breite von ca. 2,5 Zentimetern und zwei Windungen?

Der menschliche Gehörgang. Und hätten Sie’s gewusst? Sie fragen sich jetzt vielleicht, wieso man das wissen muss. Naja, wer nicht gerade Hals-Nasen-Ohrenarzt ist, Vater oder Mutter kleiner Kinder (die sich ja gerne mal was ins Ohr bzw. den Gehörgang, ersatzweise auch gerne in eines der Nasenlöcher stecken), oder eben Schwimmer, dem kann das eventuell. tatsächlich egal sein. Für Schwimmer ist der Gehörgang aber durchaus interessant. Der tendiert nämlich je nach Wasserlandschaft und Schwimmart gerne mal mit Wasser vollzulaufen. Die meisten Menschen finden das ziemlich unangenehm. Wie wird man das Wasser im Ohr also wieder los? Es gibt verschiedene Problemlösungsansätze.

Möglichkeit eins, die in den meisten Fällen schon ausreichen dürfte ist es, den Kopf schräg zu halten und zu schütteln. Bei günstigem Gehörgangsverlauf, fließt das Wasser ab. Ist immer noch Wasser im Ohr, kommt Möglichkeit zwei zum Zuge. Die ganze Prozedur wird wiederholt, also Kopf schräg halten und schütteln aber nun zusätzlich dabei etwas auf der Stelle hüpfen. Ich nenne das „Headbangen im Schwimmbad“. Das sollte das Wasser im Ohr bei den allermeisten Menschen beseitigen. Falls nicht, gibt es noch Möglichkeit drei: man erträgt das blöde Gefühl, fasst sich in Geduld und schläft eine Nacht darüber. Am nächsten Morgen sollte das Ohr wieder frei sein.

Am besten ist es natürlich, wenn gar nicht erst Wasser ins Ohr hinein kann, zumal man das Ohr damit auch vor Keimen schützt, die in evtl. verschmutztem Wasser sein können (siehe z.B. „Grobe Verunreinigung„).

Wer gerne Schwimmkappe trägt, kann die Ohren damit etwas schützen und hat zudem einen Schutz des Kopfes bei Wind. Alternativ geht auch ein Neopren-Stirnband, das muss aber gut sitzen, sonst verrutscht es, und die Ohren liegen frei. Besser schützen z.B. aus Silikon gefertigte und allergiegetestete Ohrstöpsel, die das Ohr weitestgehend gegen das Wasser abdichten. Empfehlenswert sind z.B Zoggs Aqua Plugz.

Allerdings sind menschliche Ohren nicht normgleich, sondern es gibt individuelle Unterschiede, dass heisst, ein normaler Ohrstöpsel in sog. Standardgrößen dichtet u.U. eben nicht 100%ig ab. Wer also viel schwimmt und öfter Probleme damit hat, dass Wasser ins Ohr läuft oder überhaupt schneller zu Ohrentzündungen neigt, sollte evtl. überlegen, sich individuell angefertigte Ohrstöpsel zuzulegen. Die sind zwar teurer als die 0815-Stöpsel aber dann garantiert wasserdicht. Gleichzeitig ist man dann aber auch ziemlich taub und es kann je nach Produkt Auswirkungen haben auf den Gleichgewichtssinn. Dabei sollte man noch wissen, dass sich auch ein Ohr bei starker Gewichtsab- oder -zunahme verändern kann und in einem solchen Fall kann es passieren, dass ein individuell angefertigter Ohrstöpsel plötzlich nicht mehr 100%ig wasserdicht ist.

Für die allermeisten Schwimmer dürfte aber eine Runde Headbangen im Schwimmbad oder am Badesee völlig ausreichend sein. Frohes Headbangen also!