Artikel

Das Dunkle unter dir

Vom Versuch, in einem unbekannten See zu schwimmen

Der Mann und ich fahren gerade durch Polen und wenn wir in der Nähe eines Sees sind, wollen wir dort natürlich schwimmen. In unbekannten Gewässern ist das immer ein bißchen eine heikle Sache, vor allem wenn sich die Anwohner traditionell nur per Angelkahn ins Tiefe begeben. Aber es läßt sich schon von brandenburgischem Eiszeitsee auf großpolnischen Eiszeitsee schließen. Da gibt es weder Krokodile, noch schlimme Strömungen, höchstens unangenehm am Bauch kitzelnde Wasserpflanzen.
Zum Beispiel in diesem See waren wir unterwegs, er hatte sumpfig-bräunliches Wasser und es war angenehm, hineinzugehen, keine Wurzeln, kein Müll, keine Steine. Weiter draußen wurde das Wasser klarer und wir mußten nur auf die Segler aufpassen, denn in Polen ist man keine Schwimmer gewöhnt, die sich weit hinauswagen. Hier sitzt man eher auf hochsitzähnlichen Gebilden ein paar dutzend Meter vom Ufer entfernt, die man mit dem Boot anfährt, und angelt. Wir schwammen eine gute Strecke, ich war allerdings vorsichtig, weil ein Gewitter am Horizont rumpelte
Dieser See allerdings schaffte es, alle meine Urängste zu befeuern.
Eigentlich sieht er doch fein aus oder? Ein langer Sandstrand, ein Naherholungsgebiet dabei und Rettungsschwimmer. Wir stiegen an einer weiträumigen Steganlage ins Wasser und ich möpperte leise in mich rein, dass das Wasser außer Sumpfbräune jede Menge kleine Grünalgenbatzen enthielt. Der Mann braucht immer länger um sich akklimatisieren, ich schwimme oft schon im Flachen los, weil ich keine Lust auf Ziegelsteine und Baumwurzeln unter den Füßen habe. Beim Start glitschte etwas meinen Rücken entlang. Ein fauliger Ast. Uah! Ich quietschte das erste Mal.
Wir schwammen zügig auf den See, da trillerte uns jemand mit der Pfeife hinterher. Zwei Muskelmänner ruderten auf uns zu. Ich kannte das Spiel schon, im Strandbad Wendenschloß hatte mich auch mal ein Rettungsschwimmer zusammengefaltet, weil ich den Schwimmbereich verlassen hatte. Nur ist da eine Bundeswasserstraße mit vielen Booten, das verstehe ich noch. Die Muskelmänner waren näher gekommen, erzählten uns was auf polnisch und winkten uns in das inzwischen ziemlich weit entfernte 25×25-Meter-Stegquadrat zurück. Ich nahm mein Englisch zusammen und erklärte den Herren, dass wir Mittelstreckenschwimmer seien und immer um Seen schwimmen und das sehr gut könnten. Man entgegnete uns, dafür bräuchten wir eine Sondererlaubnis, das sei in Polen so. Der Mann meinte ok. die würden wir ihnen beim Zurückkommen zeigen und jetzt würden wir weiter schwimmen. Die Jungs drehten wieder ab und ich schwamm weiter.
Plötzlich sah ich, dass der Mann neben mir im Wasser herlief. Das war nämlich mitten auf dem See nur brusthoch. Es sei etwas schlammig, aber ok., meinte er. Ich senkte vorsichtig die Füße nach unten. In der Tat, ein weicher, leicht wabernder Untergrund. Ich schwamm trotzdem weiter. Was sollte ich mitten auf dem See laufen? Der Mann kam weiter aus dem Wasser, das nur noch oberschenkeltief war. Mich kitzelte etwas am Arm, dann am Bauch. Wasserpflanzen.
Mein Nackenfell sträubte sich. Ich sah mich mitten auf dem See in Wasserpflanzen und Schlick stranden wie in verirrter Wal. Keine Sicht nach unten, trotz geringer Wassertiefe, die Entfernung zum Steg, in dem wir eingestiegen waren, betrug gut 400 Meter, es war Horror. Der Mann lief weiter neben mir her und meinte plötzlich: „Oh, hier wird es tiefer, kalt und steinig!“, sackte etwas weg und begann wieder zu schwimmen. Dann war es vorbei mit meinem Urvertrauen zu Wasser. Ich bekam blanke Panik und wollte zurück. Mit gutem Zureden begleitete er mich zurück, ich konnte mich ja schlecht von dem Muskelmännern nach Haus rudern lassen, nachdem ich so dermaßen die große Klappe hatte. Dass ich beim Abtrocknen sah, dass mein Badeanzug und mein Körper von einer milimeterdicken Grünalgenschicht bedeckt waren, war dann das kleinste Problem.

Meine Erfahrung aus vielen Outdoor-Wasser-Kilometern: Es ist völlig irrational, wo einen die Angst in einem unbekannten Gewässer erwischt. Ob in einem flachen, eigentlich völlig harmlosen Waldteich oder in einem See im Industriegebiet, in dem man über versenkte Autowracks und Chemiefässer hinweg schwimmt.
Wasser ist nicht unser angestammtes Element, wir haben es mit der Geburt verlassen. Manchmal kehren wir mit Hilfe von sportlichen Techniken zurück, aber unsere Sinne sind dafür nicht ausgerichtet und so projizieren wir alles mögliche auf das, was wir unter uns nicht sehen. Im dunklen Wasser sehen wir das Dunkle in uns.

Meine Faustregeln (incl. wohlmeinenden Gemeinplätzen):

1. Schwimmen hier auch andere? Was allerdings in Ländern, in denen Schwimmen nicht zur Kultur gehört, keine Informationen bringt. Im Zweifelsfall fragen, ob das Schwimmen erlaubt ist.
2. Von bekannten Gewässern lassen sich recht gut Schlüsse ziehen. Ein See in einem Urstromtal, eine alte Kiesgrube, ein gefluteter Steinbruch oder Tagebau, ein Gebirgssee oder ein durch Wiesen mäandernder Fluss sind meist gleich aufgebaut.
3. Wie klar ist das Wasser? Hat es Ölflecken und Schaum? Riecht es komisch? Langsam fließende Gewässer, die aus Sümpfen gespeist werden, sind meist klar, aber dunkelbraun wie Eichenrindetee. Ebenso wie Sedimente, feiner Sand und Lehm, die einen Fluß gelb oder braun färben, harmlos sind. Ich habe auch kein Problem mit einer moderaten Menge Grünalgen im Hochsommer. Aber alles, was schäumt und nach Chemie oder Jauche riecht, sollte man meiden, logisch. Leichter Modergeruch ist ok.
4. Ist viel Industrie, Landwirtschaft (Viehställe), Urbanisation drumherum? Das ist nicht gut, besonders nach starken Regenfällen, die Kläranlagen überlaufen lassen und jede Menge Dreck ins Wasser schwemmen, genauso wie in manchen Ländern nicht vorhandene Kläranlagen. Auch viel Wassergeflügel kann Probleme in Form von juckenden Pusteln bringen, deren Parasiten probieren gern auch Menschen.
5. Welche Zu- und Abflüsse gibt es? Gibt es Staustufen oder Wehre? Gibt es Schifffahrtstrassen? Sind starke Strömungen zu sehen? Nie an Wehre oder Abflüsse heran schwimmen, keine Schifffahrtstrassen kreuzen, Strömungen in die Route einkalkulieren, nie dagegen gehen, um ein Ziel zu erreichen.
6. Bei Baggerseen, Talsperren und überfluteten Tagebauen daran denken, dass unter dem Wasserspiegel Hügel, Bauten und Bäume sein können und steile Ufer ggf. nicht rutschfest sind.
Ebenso technische Bauten, Kais, Steganlagen und Landungsbrücken besser meiden. In deren Nähe herrschen manchmal sonderbare Strömungen und beim Bau ist so mancher Müll im Wasser entsorgt worden
7. Nie, nie! einfach ins Wasser springen. Vorsichtig ins Wasser hineinlaufen, am besten Schwimmschuhe dabei tragen.
8. Wenn einem das Wasser nicht so sympathisch ist, auch und gerade wenn sich viele andere darin tummeln: Kein Wasser schlucken, nicht tauchen. Hinterher gleich duschen und gut abseifen.
9. Wenn man zu einer längeren Tour aufbricht, einen Zettel gut sichtbar in die Sachen legen, auf dem steht, dass man zu einer Schwimmtour unterwegs und wann man ungefähr zurück ist und anderen am Ufer liegenden Menschen Bescheid geben. Sonst wird man womöglich noch gesucht und „gerettet“.
10. Wenn einem plötzlich flau wird, weil der Untergrund sonderbar scheint- wenn die Kraft reicht bzw. die Strömung es ermöglicht, denselben Weg zurück nehmen oder aber den schnellsten Weg ans Ufer – aber da können durchaus Überraschungen lauern.

Artikel

Elbeschwimmen 2014 – Die Miz Kitty-Version

Wiedereinstieg

In Jahren mit besserem Trainingszustand, weil die Dame-Wasserstraße direkt vor dem Wohnzimmerfenster zum morgendlichen Schwimmen einlud und ich irgendwann vor Kondition nicht mehr wusste wohin, war ich bereits auf einigen Mittelstrecken-Schwimmen. Ich schwamm auf dem Müggelsee und auf dem Greifswalder Bodden und einmal auch so ganz für mich rund um den Stechlinsee. Forrest Gump lief, ich schwamm.
Dann war eine ganze Weile gesundheitsbedingte Zwangspause angesagt und ich traute mich nicht mehr so recht. Anmeldung, Startgeld, Wettbewerb, irgendwo hinfahren und dann womöglich doch an der Kondition zweifeln und nicht mitmachen oder – noch schlimmer – von der DLRG aus dem Wasser gezogen werden, das wollte ich mir nicht antun.
Nun gibt es aber in meinem Leben einen Mann, der mitschwimmt. Zum ersten Mal. Früher war ich mit meinem Hobby immer sehr allein, nun nicht mehr. Und so ereignete es sich, dass wir nach Dresden zum Elbeschwimmen fuhren. Ich war gern mit von der Partie, auch wenn ich eigentlich bis zum letzten Moment unsicher war, ob ich wirklich ins Wasser gehe, konnte ich doch an eine gute Tradition anknüpfen. Mein Großvater schwamm hier schon in den 20er Jahren. Die heutige Jugend hat als pubertäre Mutprobe S-Bahnsurfen, die jungen Rüpel aus Dresden-Leuben schwammen durch die Elbe und tauchten unter der Kette durch, die ein Dampfschlepper für einen Moment vom Flussgrund aus dem Wasser hob. Nicht ungefährlich, deshalb gab es hinterher, wenn es der Vater denn erfuhr, eine Tracht Prügel. – Das zum Kapitel „die heutige Jugend“ und „es wird immer schlimmer!“

Elbeschwimmen ist Spaß, kein Wettbewerb

Das war mir von Anfang an sympathisch. Da erobern Leute einmal im Jahr den Fluss, mit dem sie leben, der ihnen manchmal Drama und Hochwasser beschert und das Stadtbild unverwechselbar macht. Eine schöne Vereinigung mit der Natur.

Der Elbebogen bei Regen einen Tag später.

Der Elbebogen bei Regen einen Tag später.

Seit 1998 steigen die Dresdener hier in August ins Wasser und schwimmen vom Blauen Wunder bis zum Fährgarten Johannstadt. Die 3,5 km-Strecke nimmt einen weiten Flussbogen vor der Altstadt und führt an den drei Elbschlössern vorbei. Die Veranstaltung ist sehr unprätentiös und locker. Der Organisator Dr. Dietrich Ewers sammelt mit freiwilligen Helfern kurz vorher Geld zur Bezahlung der Sicherung vom Wasser her ein – das übernehmen Boote von der DLRG*, die Sachen werden einfach auf einen Transporter geworfen und in den Johannstädter Elbwiesen wieder abgeladen, die Schifffahrtsgesellschaften bekommen Bescheid, dass sie aufpassen sollen und die Wohnungsbaugesellschaft Johannstadt spendiert hinterher Bier und Bratwurst. Der Gemeinsinn trägt so etwas und das gilt sogar für die Rekordteilnehmerzahl von 1200 Menschen. Das Publikum ist volkssportgeprägt und kommt aus allen Altersklassen, die wenigen Fitnessposer gehen in den Wogen von freundlichen Waschbärbäuchen einfach unter.

Die Wasserqualität ist mittlerweile für einen großen Fluss sehr ok., die ganz üblen Industrie-Dreckschleudern sind schon seit Jahren außer Dienst gesetzt. Nur bei Hochwasser und Wolkenbrüchen ist das Wasser nicht sauber, weil es dann ungeklärt in den Fuß kommt bzw. alte Schlämme aufgewirbelt werden. Es ist braun und voller Sedimente, die Elbe trägt viel vom Riesengebirge, dem sie entspringt, mit sich. Was man noch wissen muss: Auch wenn ein großer Fluss mächtig aussieht, tief, reißend und gefährlich ist er meist noch lange nicht. Wir schwammen bei 1,10m Pegelstand (die Transportschifffahrt pausiert wegen zu geringer Wassertiefe) und moderater Strömung, da muss man sogar weit hineingehen, bis man nicht mehr stehen kann.

Flußschwimmen ist wie fliegen

Nachdem ich über die Steine der Uferbefestigung hineingestakst war und mich in bauchhohem Wasser in Schwimmlage begab, übernahm der Fluss die Regie. Schon bei Bewegungen, die einen lediglich über Wasser halten, haben Schwimmer das Tempo der Radfahrer vom Elberadweg nebenan. Als ich dann noch etwas durchzog, mich stach der Hafer, denn es fühlte sich an wie zu alten Zeiten, außerdem wollte ich aus einem engen Pulk Leute rauskommen, wurde ich richtig schnell. Die Geschwindigkeit reguliert sich außerdem dadurch, welche „Bahn“ man nimmt. Außen am Prallhang geht es schneller, innen am Gleithang schwimmt es sich gemächlicher, wird aber auch manchmal recht flach. Ich nutzte die Zeit im ersten Drittel der Strecke, um mich immer mal auf den Rücken zu drehen und zurück aufs Blaue Wunder zu sehen. Keine elegante Brücke, eher ein wunderliches, eisberghaftes Gebilde. Im zweiten Drittel, als es schnell an Weinbergen und den Schlössern vorbeiging, fühlte ich mich euphorisch, die Villenbesitzer staunten von oben die sonderbaren Wasservögel an, manchmal gelang ihnen sogar ein huldvolles Winken. Die Leute in den Schiffen, die vorbeikamen, freuten sich hingegen ein Bein ab und fotografierten, was das Zeug hält. Im letzten Drittel kam die Waldschlößchenbrücke und dann war es wichtig, ans linke Ufer zu schwimmen und das Tempo zu reduzieren, um den Ausstieg nicht zu verpassen. – Was ich hier gelernt habe: Mit dynamischen Wasser muss der Mensch kooperieren, es macht gar keinen Sinn, sich zu verausgaben, um exakt dorthin zu kommen, wo man will und wie man will, dann wird es nur gefährlich. Wenn man sich von der Strömung tragen lässt, ist es ein überwältigendes Gefühl.

Danach

Am Ufer erwartete uns ein Volksfest mit Rumtata, Hüpfburg und Zuckerwatte und die vietnamesische Community hatte den Ausstieg mit Lotusblüten und Ehrenjungfrauen dekoriert. Der Organisator und die Helfer ließen sich feiern.

Elbeschwimmen 2014

Dr. Dietrich Ewers und die Damen des vietnamesischen Begrüßungskommitees

Elbeschwimmen 2014

Ein freundlich hergerichtetes Ziel und „Ehrenjungfrauen“, die sich abkühlen

Wir duschten uns kurz ab, obwohl zumindest ich mich nicht sehr schmutzig fühlte, das ist in den Berliner Gewässern oft schlimmer, und feierten mit Bier, Bratwurst und Zuckerwatte ein wenig mit. An diesem Tag ertrug ich sogar das furchtbare Sing, mei Sachse, sing mit einem Lächeln. Ein T-Shirt bekamen wir leider nicht mehr, das hatten nur die bekommen, die schnell waren.

Der Weg zurück nach Loschwitz, wo wir logierten, war mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr umständlich zu erreichen. Das Elbetaxi, das am Steg lag, verlangte mit 10 € pro km einen Mondpreis (Begründung: das Anlegen wäre am Blauen Wunder so schwierig). Also liefen wir den Elberadweg zurück, ein warmer Sommerregen kühlte uns etwas ab, es war himmlisch.

*ich wurde per Kommentar freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die freiwilligen Helfer von der Wasserwacht sind.