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Schwimmen durch München: Sommerbad Georgenschwaige

Es ist August, und ich mache mich nochmal zu einem Freibadschwumm auf – ich weiß, dazu muss man schon ein harter Hund sein, doch ich sehe mich im Team Pippi, nicke innerlich den Eischwimmerinnen in Wladiwostok zu und radle mit einem piratischen HARRRRRR! hinaus nach Schwabing (was für ein Dreckssommer).

Über das Sommerbad Georgenschwaige hatte ich gelesen, es sei ein sehr schlichtes Bad und werde deshalb vor allem von Schwimmern genutzt. Müsste also genau meine Kragenweite sein.

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Bei meiner Ankunft (es gibt einen eigenen, großen Fahrradparkplatz) ist das Kassenkämmerchen unbesetzt. Doch ein Herr in blauer Latzhose und schwimmbadgrünem Stadtwerke-Polohemd, der gerade mit Gerät beschäftigt ist, sieht mich und eilt herbei. Er lädt meine Bäderkarte mit frischem Geld auf und erklärt mir in freundlichem Bayrisch sowohl die Lage der verschiedenen Einrichtungen als auch, dass ich für den Spind eine Euromünze brauche.

Die Georgenschwaige hat ein luftiges Gebäude mit Schönwetterumkleiden und ein rundum verglastes mit Sammelumkleide und Duschen, das gerade auf Temperaturen geheizt ist, als müsse man tatsächlich Wladiwostoker Eisschwimmerinnen aufwärmen.

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Als Münchnerin bin ich gewohnt, dass öffentliche Einrichtungen gepflegt sind und funktionieren. Deshalb verdutzt mich sehr, als ich Kleidung und Duschausstattung zweimal versetzen muss, bis ich einen unkaputten Spind habe.

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Das Becken ist gemauert (also kein Kachelzählen möglich), die wenigen Nutzerinnen und Nutzer kennen einander offensichtlich: Es wird gegrüßt und geratscht. Die Zusammensetzung erinnert mich an die Schwimmerlebnisse während meines Studiums: Hauptsächlich Rentner und Rentnerinnen jeglichen Formats. Doch das scheint mit der Auslegung des Schwimmbeckens zu tun haben: Es ist zwar 50 Meter lang, doch es gibt keine abgeteilte Bahn, trainierende Sportschwimmer wird man hier wohl nicht sehen. Dennoch kann ich problemlos Bahnen schwimmen, die meiste Zeit sind wir unter sich verdüsterndem Himmel zu zweit oder zu dritt im Wasser. Nur gegen Ende muss ich auf einen Herrn achten, der beim gemächlichen Froschrückenschwimmen (so nenne ich hiermit den Stil, der in Rückenlage Brustbeinschlag mit Armwedeln unter Schulterhöhe verbindet) ein Drittel des Beckens kreuzt.

Beim Duschen (es gibt keine Duschen am Becken selbst) sehe ich mich im Umkleidegebäude genauer um: Es scheint ernsthaft auf Rollstuhlfahrerinnen ausgelegt, mit eigenem Duschbereich, eigener Toilette, eigener Umkleide.

Fazit: Bei schlechtem Wetter ist die Georgenschwaige durchaus zum Schwimmen geeignet, doch bei auch noch so geringem Badebetrieb kann ich mir ungestörtes Bahnenziehen nicht vorstellen.

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Schwimmen durch München: Das Schyrenbad

Für mich ist das Schyrenbad das nächstgelegene: Mit dem Fahrrad bin ich in 10 Minuten dort.
Für den Rest der Welt ist es das älteste Freibad Münchens mit bewegter Geschichte.

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Vor allem aber verfügt es über ein 50-Meter-Becken mit zwei abgeteilten Schwimmbahnen. Und die nutze ich gerne. Wenn die Temperaturen, wie heute, deutlich unter Badewetter liegen, ziehe ich mich im Gebäude mit den Spinden um und lasse alle Kleidung und alles Gepäck in einem der Spinde (Spindpfand ist eine 2-Euro-Münze oder die aufladbare Bäderkarte der Münchner Stadtwerke, die ich als Vielschwimmerin selbstverständlich besitze).

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Bei Badewetter lasse ich lediglich Geldbeutel und Hausschlüssel in einem der Minispinde gleich rechts vom Eingang und breite meine sonstigen Sachen auf einer Liegewiese aus.

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Ab ins Wasser. In der Mitte des Beckenrands sehen Sie einen mechanischen Aufzugstuhl, mit dem bewegungseingeschränkte Menschen ins und aus dem Wasser kommen. Allerdings muss ein zweiter Mensch kurbeln.

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Heute teilte ich mir die Bahn die meiste Zeit sehr entspannt mit anderen Schwimmern und Schwimmerinnen, erst auf den letzten 500 Metern irritierte mich ein Herr, der mich an einer Wende mit mächtiger Bewegung überholte, dann aber etwas langsamer schwamm als ich. In solch einem Fall wechsle ich meist einfach die Richtung, um dieser Schwimmeinheit möglichst lange nicht mehr zu begegnen.

Etwas wärmer war es geworden, doch immer noch weit von Badewetter entfernt. Ich duschte im Umkleidegebäude, zog mich in einer Umkleidekabine um, bemerkte, dass ich meinen Bikini in der Dusche vergessen hatte und holte ihn, nutzte einen der kostenlosen Föhns, um meine Haare zu trocknen (tief verwurzelte Überzeugung, dass ich mit nassen Haaren sofort krank werde).

Einen Kiosk hat das Schyrenbad schon auch, doch dort habe ich noch nie eingekauft.

Hier das Schwimbecken bei Badewetter von der gegenüberliegenden Seite (vor genau einem Jahr).

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Schwimmerinnen

Indica merkte an, dass sie kaum Frauen auf den ernsthaften Schwimmbahnen sieht:

Es ist nämlich auffällig, in etwa einer 70:30er-Relation, dass meist Männer sportiv in den Schwimmerbahnen unterwegs sind.

Ihr Erklärungsversuch:

Ich habe den Verdacht, dass es sich um ein dem Gerätetraining in der Muckibude artverwandtes Phänomen handelt. Dort wird geschwitzt, geschindert und geächzt; es ist nicht vornehm, smalltalk- und teatimekompatibel, wenn es mich fordert und etwas bringen soll. Was richtig Kraft und Anstrengung erfordert, ist nicht clean, sondern immer etwas animalisch, schwitzig und kompetitiv und sei es nur mit mir selbst. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so viele Frauen mögen – richtig reinhauen, die eigene Kraft spüren und eher wild und ekstatisch als anmutig und gemäßigt sein.

Frau Nessy hat sich ebenfalls dazu Gedanken gemacht:
Sportive Frauen, die durchs Wasser pflügen
Animalische Anstrengung

Erst dadurch ist mir bewusst geworden: Die Geschlechterrelation hat sich in den vergangenen Jahren verändert.

Meine erste intensive Schwimmphase fiel in mein Studium. Zwischen 1990 und 1993 schwamm ich in der Hallenbadsaison ein- bis zweimal wöchentlich 2000 Meter (danach abgelöst von Aerobics). Und damals waren Frauen und Rentner ganz klar die Mehrheit im Augsburger Spickelbad, unter den Frauen auffallend viele deutlich über Konfektionsgröße 38. Schwimmen schien eine Bewegungsform für Menschen, denen das halt Spaß machte. Dicke, bewegungsfreudige Menschen konnten sich im Hallenbad unbehelligt austoben. Denn Schwimmen war etwas ganz Persönliches, etwas Wohltuendes, aber einen ehrgeizigen oder gar kompetitiven Sportaspekt hatte Freizeitschwimmen nicht.

Jetzt, auf den Schwimmbahnen Münchner Bäder, sind tatsächlich Männer in der Überzahl. Ihnen und den deutlich weniger Frauen sieht man mit wenigen Ausnahmen an, dass das für sie „Training“ ist. Ein Symptom: Viele schwimmen mit Spielzeug – Handschaufeln, Fußflossen, Schwimmflügerl für zwischen die Beine, Wasserwachtbretterl. Schwimmen, so scheint es, ist cool geworden, ein Hobbysport mit Zielen, mit Prestige-erzeugendem Zubehör. Anders betrachtet: Schwimmen ist heute ein Markt, auf dem sich etwas verkaufen lässt.

Und in ernsthaftem und vermarktbarem Sport mit Wettbewerbshintergrund, in dem Konkurrenz herrscht, in dem man einander vergleicht und beobachtet, überwiegen automatisch die männlich Sozialisierten (siehe Joggen, Radeln, Tennis).

Nun kann ich nicht beurteilen, ob das einfach der Unterschied zwischen Provinzbad und Metropolenbecken ist. Beobachten Kleinstadtschwimmerinnen dasselbe Phänomen?

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3000 Meter Sonnenbaden

Seit einigen Jahren nutze ich sommers die Münchner Freibäder für meine Schwimmerei. Das müsste ich nicht, denn die Hallenbäder sind in dieser reichen Stadt auch in den Sommermonaten geöffnet. Doch seit ich entdeckt habe, dass es in München nicht nur erstaunlich viele Freibäder gibt, sondern darin erstaunlich viele 50-Meter-Becken und darin wiederum einige abgeteilte Schwimmbahnen, ignoriere ich das sonst so geschätzte Olympiabad zwischen Mai und September.

Doch da mag ich noch so sehr Abitur haben und Mag.art. sein: Dass man sich bei Sonnenschein fürs Schwimmen im Freien besser mal mit hochfaktorischer Sonnencreme schützen sollte, musste ich erst durch einen schmerzhaften Sonnenbrand vor zwei Jahren lernen. Der mir gleichzeitig die Ganzkörperanzüge anderer Freibadschwimmerinnen erklärte.

Seither lasse ich mir den Rücken daheim ordentlich eincremen und hole mir über die Sommerwochen beim Schwimmen sanft weiße Streifen. Und zwar seit diesem Jahr vom Bikini, jawohl. Ein Oberteil mit Bügeln und Nackenhalter verrutscht nämlich auch beim Kraulen nicht, und die Bikinihose habe ich mir im Winter von der Änderungsschneiderin eng genug machen lassen, dass ich sie auch beim energischen Schwimmen nicht verliere.

Nach dem zweiten Sonnenschwimmen im Schyrenbad bemerkte ich allerdings verwundert, dass sich der Bikini auch auf meiner Vorderseite abzeichnete, die ich gar nicht in die Sonne gehalten hatte. Beim nächsten Schwumm achtete ich auf die Ursache: Der Boden des Schwimmbeckens im Schyrenbad besteht aus Metall und reflektiert lustig flackernd die Sonnenstrahlen – allerdings wohl so stark gefiltert, dass sie mich auch ohne Sonnenmilch nicht verbrennen. Sonnenbaden in Bahnen, sehr großartig.

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Leanne Shapton, Swimming Studies

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Mich würde wirklich, wirklich interessieren, ob jemand mit diesem Buch etwas anfangen kann, der sich überhaupt nicht fürs Schwimmen interessiert. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, aber mir hat Schwimmen schon immer viel Freude bereitet, auch wenn ich nie Schwimmsport betrieben habe. Während der Woche der Lektüre lebte ich so im Chlordunst von Leanne Shaptons Swimming Studies, dass ich es unbedingt eine Weile im tatsächlichen Chlordunst lesen wollte.

Leanne Shapton, geboren in Toronto, ist heute Grafikerin in New York und hat ihre Jugend als Leistungsschwimmerin in Kanada verbracht. Schwimmen ist das zentrale Element in ihrem Leben, und so erzählt sie ihr Leben anhand des Schwimmens. Zwei Zeitlinien sind dabei verwoben: Zum einen ihre Schwimmkarriere, die sie mit elf Jahren begann. Zum anderen ihr Leben, nachdem sie diese Karriere aufgab, nicht aber das Schwimmen. Sie erzählt nicht nur in Wörtern: Wichtige Elemente sind auch Zeichnungen und Fotografien.

Vieles an Shaptons Schilderungen überraschte mich. Mir war unter anderem nicht klar, dass auch Wettkampfschwimmerinnen unterhalb internationaler Wettkämpfe (Shapton schaffte es nicht in den olympischen Kader Kanadas) ein knochenhartes Training absolvieren: Täglich zwei Einheiten, eine davon vor der Schule (Wecker klingelt um 4.45 Uhr), Blocktraining zwischen Weihnachten und Silvester, in dem sie praktisch nur zum Schlafen aus dem Wasser kommen. Dass man als Wettkampfschwimmerin ununterbrochen Schmerzen hat.

Shapton schildert das in einer wundervollen Mischung aus Sachlichkeit (Trainingsstruktur, Tagesablauf) und Poesie (in immer neuen Bildern der Gegensatz zwischen dem Dampf und der Wärme im Hallenbad und der Kälte des Winters vor den Hallentüren). Wir lernen sie und ihren Ehrgeiz kennen, ihren Bruder, ihre Eltern, ihre Kindheit, ihr Größerwerden, ihre Trainer. Und es geht darum, wie es ist, etwas (ungebeten) sehr gut zu können.

Es tauchen so viele Aspekte dieser Schwimmleidenschaft auf, dass sie wie eine Wasseroberfläche schillern. Zum Beispiel wie sehr sie sich über das Schwimmen definiert, wie attraktiv, weiblich und elegant sie sich dabei fühlt (Schwimmen gehört für mich zu den wenigen Momenten, in denen ich mich nicht wie ein Trampel fühle):

I believed, for a while, in the aphrodisiacal qualities of my swimming. Sometimes, doing laps somewhere, I’d think: If only he could see me swim, he’d fall in love.

Und doch hatte sie davor geschildert, dass im Schwimmverein ihrer Jugend körperliche Blöße so alltäglich war, dass die jungen Männer aus dem Verein immer erst in Straßenkleidung interessant für sie wurden.

Shapton geht auf Schwimmbrillen ein, auf ihre persönliche Schwimmbrillengeschichte. Wie sich das Schwimmen für eine Schwimmerin anhört. Auf die zwischenmenschliche Dynamik in Sportlergruppen. Sie schildert das Unbehagen, das die meisten Sportschwimmer im freien Wasser empfinden. (Hier erst wurde mir bewusst, dass ich im Meer oder in den vergangenen Jahren einem See immer ein wenig ratlos bin: Schwimmen geht hier schon auch, fühlt sich aber kraft- und ziellos an.)

Und dazwischen immer wieder Zeichnungen und Aquarelle: Shapton malt verschiedene Gerüche des Schwimmtrainings. Sie malt Schwimmer und Schwimmerinnen, zeigt seitenweise konkrete Schwimmbäder als dunkle Flächen. Zu ihren Geschichten der zweiten Erzähllinie gehört das Schwimmen in Frei- und Hallenbäder auf der halben Welt, die Beschreibung der Orte und der Menschen, die sie dort antraf. Da fand ich mich wieder persönlich, denn in der Ferne Schwimmen zu gehen gehört zu den Abenteuern, für die selbst ich Langweilerin mich begeistere. In Swimming Studies wird sogar ein Schwimmbad genannt, in dem ich selbst schon geschwommen bin: Das Berliner Stadtbad Mitte.

Shapton beschreibt ihr jetziges Zuhause, die Bilder, Gemälde, Fotos mit Schwimmmotiven die es dort gibt.
Sie zeigt im Buch ihre Badeanzug-Sammlung wie Kunstwerke, komplett mit Muster- und Materialbeschreibung sowie genauen Umstände des Erwerbs und des Einsatzes.
Sie nennt Romane, Filme, Dokumentationen um Schwimmer und Schwimmerinnen. Und an dieser Stelle, fast am Ende des Buches erklärt sie deren besonderer Faszination:

the parts I find most touching are the interiors, the kitches, the glasses of milk, a swimmer eating dinner from a plate set atop a television set, lamplight, parents, teal duvets, socks on staircases, and carpeted hallways.

Das sind genau die Details, die auch Shapton uns zeigt, und es sind genau diese Einblicke, die mich am meisten berührten.

Es gibt eine deutsche Übersetzung, Bahnen ziehen, von Sophie Zeitz.

(Ursprünglich ähnlich veröffentlicht hier.)