Artikel

Im Meer

IschiaWir fahren ans Meer. „Wir“, das ist eine sechsköpfige Gruppe von Yogaurlaubern. Genau genommen sind es nur vier Yogaurlauber, die anderen beiden sind der Yogalehrer und seine Frau und noch genauer genommen bin ich natürlich keine Yogaurlauberin, sondern nur zufällig da reingeraten. Eine Freundin lud mich spontan ein, für ihre abgesprungene Begleitung einzuspringen; die Reise sei schliesslich gebucht und bezahlt und ich solle jetzt mal meinen verdammten Schreibtisch stehen lassen und mich ins Flugzeug setzen. Das täte mir mehr als gut, ich sei schon ganz wunderlich, ausserdem gäbe es dort Yoga und heisse Quellen, das wäre ja schliesslich auch was für meinen kaputten Rücken.

So sitze ich seit ein paar Tagen auf Ischia und mache zweimal täglich Yoga, beäuge misstrauisch kackbraune, dampfende Tümpel („Das ist das Eisen im Wasser, das ist gut für die Gelenke!“ – „Weil die noch nicht rostig genug sind?“), in die sich die anderen wohlig seufzend gleiten lassen und blicke sehnsüchtig aufs glitzernde Meer hinaus.

Ich bade nicht in Seen oder Tümpeln; stehendes Wasser ist mir unheimlich und zuwider, und ich gehe auch nicht gern in das, was meine Omi so schön „die städtische Badeanstalt“ nennt. In überchlortem Wasser voller Leute zu baden, mit denen ich, wenn’s nach mir ginge, nicht einmal zusammen U-Bahn fahren würde, geschweige denn das Wasser teilen? Nein, danke. Das Meer und ich aber, wir zwei mögen uns. Wir sind füreinander geschaffen. Viele meiner schönsten Stunden habe ich am, auf dem oder im Meer verbracht. Als Kind, wenn ich nicht rauskommen wollte, nur noch eine Welle, bitte, ja? Noch diese! Oh, da kommt noch eine! Oder als ich spontan nach Hawaii flog, um Wellenreiten zu lernen, auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Und jedes mögliche Wochenende, das ich mir freischaufele und auf „meine“ Insel fahre, wo ich auch in der Hochsaison die Ecken kenne, in denen das Meer und ich alleine sind und uns gegenseitig unsere Geheimnisse erzählen.

Das Meer hier ist sehr warm, das Wasser fühlt sich seltsam weich an und es kommt mir so vor, als sei der Salzgehalt besonders hoch. Jedenfalls ploppe ich beim Eintauchen schneller wieder hoch als in der Nordsee. Ich habe den Eindruck, als begrüsste es mich, als lächelte es mir zu und sagte ‚schön, dich wiederzusehen!‘. Im Geiste unterhalte ich mich mit dem Meer. ‚Aber ich war doch noch nie hier?‘ frage ich zurück. ‚Das macht nichts‘ antwortet es leise glucksend, ‚wir sind eins. Egal, wo du deinen Zeh hineintauchst, ob ins Mittelmeer, den Atlantik, den Pazifik oder die Nordsee – ich werde dich immer wiedererkennen, denn wir gehören einander.‘

Es hat keine Quallen hier, vielleicht auch nur nicht zu dieser Jahreszeit Anfang Oktober, ich weiss es nicht. Es schwimmt kein Müll darin, der Strand ist so sauber, daß man vom Fussboden essen könnte. Dabei ist mir schon klar, daß die Sauberkeit sehr relativ ist und der garantiert vorhandene Dreck nur unsichtbar: Was täglich dieselgetrieben durchs thyrrhenische Meer dampft, geht auf keine Kuhhaut.

Ich mache ein paar Züge hinaus, weg vom Strand. Vor mir liegt nur der Horizont. Ich finde das schön, sehr beruhigend und befreiend. Es gibt auch Menschen, denen macht das Angst, diese grosse Weite, diese Leere vor ihnen und das Wissen, daß es unter ihnen rund dreieinhalb Kilometer Wasser gibt und das auch noch im Vulkangebiet, über tektonischen Erdplatten, die ständig in Bewegung sind. Wenn man zu lange darüber nachdenkt, kann man in Panik geraten – diese Platzangst ist das Gegenstück zu (meiner) Klaustrophobie.

Meine Gedanken schweifen zu den Kulturen, die sich in diesem Meer schon Schlachten geliefert haben, die Etrusker, Römer, Griechen, Sarazenen, Piraten aller Nationen, Normannen, Franzosen, Habsburger. Wie viele Wracks dieser Schlachten wohl unter mir dahinschwinden und längst zerfressen wurden? Ob noch viele Goldschätze dort unten ungehoben sind und auf ihre Entdeckung warten?

Ich muss aufpassen, nicht zu weit hinauszuschwimmen, denn man verschätzt sich sehr schnell in der Entfernung, wenn man auf dem Meer schwimmt. Die Küste rückt rasch in die Ferne und unter mir wird es dunkler und kälter. Zeit, umzukehren. Nach meiner Zählung bin ich etwas über 500 Züge rausgeschwommen, keine Ahnung, was das in Metern macht. Mein Fuelband, das ich scherzhaft als den grossen Motivator bezeichne und das mich dazu bringen soll, den Allerwertesten regelmässig aus dem Schreibtischsessel zu kriegen, es ist nicht wasserfest. Es wird mir heute Abend murrend mitteilen, daß ich mich wieder einen Tag lang nicht bewegt habe, denn es kann nur Schritte zählen.

Ich drehe mich auf den Rücken und schwimme zurück zum Strand, den Blick weiterhin auf den endlosen Horizont gerichtet. Um mich herum wird es wieder heller, das Wasser wird wieder wärmer und ich höre zwei kleine Schweizer Jungs spielen. Ich drehe mich um. Sie haben Taucherbrillen auf und liegen in „toter Mann“-Position auf den Wellen. „Ein Fisch!“ ruft der kleinere. „Das war nur ein Stein!“ antwortet der andere. Sehr viel später, als ich schon längst wieder auf meinem Handtuch liege, sausen sie an mir vorbei zu ihren Grosseltern, daß der Sand nur so spritzt. „Schau mal, Oma, ein Stein wie ein Fisch! Und ich hab’ ihn gefangen!“

Bild

Hamburger Badetipps

Baden gehen ©2014 Kiki Thaerigen, hamburguntersich.de

Der eine oder die andere wird meinen Hamburger Comic vielleicht kennen und sich jetzt wundern, aber es hat alles seine Richtigkeit: Liisa hat mich netterweise eingeladen, mitzumachen und diesen Beitrag mit den besten Badetipps für Hamburg hier zweitzuveröffentlichen. Ich fühle mich geehrt und werde gern hier auch bald noch etwas zum Schwimmen selbst schreiben, denn damit habe ich nach langer Zeit in diesem Sommer erneut begonnen. Ja, in Hamburg.