In warmen Wassern

Ich habe mich unlängst über Wassertemperaturen und das subjektive Empfinden derselben in Schwimmbädern für Schwimmer ausgelassen. Es ist aber auch nicht einfach. In meinem liebenswerten Rentner-Bootcamp (aka: Wassergymnastik-Rehasportgruppe in der ich mit meinen 49 Jahren unsere Jüngste bin) ist sie ein konstant wichtiges Thema. Alle sagen, dass es heute kalt im Becken ist, ist der Standardspruch und Wasserstandsbericht aus den Vorgängergruppen, wenn ich als unsere Jüngste und Letzte unter der Frauendusche einfalle.

Nun hat das Therapiebecken, das wir mit unserer Rheuma-Liga-Truppe nutzen, zumeist die versprochenen 32 Grad. Das ist auch ganz prima, wenn man Rheuma oder Schmerzen hat, denn dann entspannen sich die Muskeln bei den Übungen im warmen Wasser. Da ich selbst meist am Vortag in der medizinischen Muckibude trainiere, freue ich mich auch immer über den Anti-Muskelkater-Effekt, wenn ich mal wieder etwas hart geübt habe.

Gestern jedoch: große Krise! Noch nie war das Wasser so kalt! Ja, es war etwas frischer als sonst und mir persönlich damit sehr angenehm. Ich bin ja inzwischen doch sehr fit und könnte auch längst anstrengendere Aqua-Fitness in einem tiefen Kaltwasserbecken machen. Aber ich mag meine Rentnertruppe so gern und ein bisschen softes Entspannungssporteln tut mir immer gut. Außerdem bin ich dankbar und unheimlich froh – die Wassergymnastik war mit der Anfang zur Besserung meiner Meniskusprobleme. Ich erinnere mich noch genau, wie das war, als ich kaum die Treppe ins Bewegungsbad herunterkam und nicht daran zu denken war, meine Hacke beim Gehen an den Popo zu ziehen. Tempi passati; glücklicherweise, aber ich bin immer noch dankbar.

Die Ferien-Ersatz-Physiotherapeutin scheucht uns in ihrer jugendlich unbekümmerten wie energischen Art an den Poolnudeln durchs Wasser. Viel Hoppedihe, sehr gut! Meine Mitsportlerinnen sind ja muntere 59 bis 85 Jahre alt und ich freue mich, dass ich einfach eine Runde schneller rauf und runter treten oder fahrradfahren kann. Wird auch mir warm dabei.

Aber es ist so furchtbar kalt! Es hört gar nicht mehr auf mit den Klagen. Die Physiotherapeutin fängt das ab mit: Das Wasser hat genau 31,5 Grad heute. Ich finde es super, der Großteil meiner Combo zieht sich aufs theatralische Klagen zurück und Herr R. probiert es mir gegenüber auch mal mit dem Klassiker: Ich bin 82, kommen Sie erst mal in mein Alter. Dann finden Sie das auch kalt! Hey, das funktioniert wohl auch immer mit diesem Totschläger – bei meiner Oma noch im zarten Alter von 96 ihren dann doch sehrsehr erwachsenen Töchtern gegenüber vorgetragen mit dem Zusatz: … in das gewisse Alter! Also antworte ich ebenso klassisch: Ich bin immerhin schon fast 50. Da darf ich das Wasser zu warm finden, das ist auch das Alter dafür!

Ich nehme es als Scherz und freue mich über das endlich einmal mir nicht viel zu warme Wasser. Aber von hinten nähert sich unsere Zweitjüngste dem Beckenrand und legt ihre Poolnudel nach nur einer Viertelstunde nieder. Ich muss leider gehen; ich kann meine Muskeln nicht mehr bewegen. Sie hat Weichteilrheuma, ist Schmerzpatientin und bräuchte tatsächlich mindestens 33 oder 34 Grad Wassertemperatur, damit das für sie funktioniert. Ich schäme mich ein bisschen für meine Flapserei und bin sehr, sehr dankbar, dass ich mich – „nur“ verunfallt damals und nicht chronisch krank – so problemlos, inzwischen schmerzfrei und ohne auch nur darüber nachzudenken wieder bewegen kann. Egal bei welcher Temperatur.

Denn ein großes Problem in Berlin – und meines Wissens nicht nur dort – ist es, dass Bewegungsbäder in großer Zahl geschlossen wurden. Waren es vor zehn Jahren noch 70 Therapiebecken mit den benötigten Temperaturen über 30 Grad, sind es heute gerade mal noch 48, wie man hier nachlesen kann. (Das ist zwar ein etwas älterer, bezahlter Beilagen-Artikel, aber ich weiß es auch aus der Rheuma-Liga Berlin selbst, das das wirklich so ist.) Therapiebecken mit hohen Temperaturen sind nämlich teuer und die Krankenkassen rechnen nur noch Fallpauschalen ab; das lohnt sich also bei enorm gestiegenen Betriebskosten oft nicht mehr für die Betreiber.

Ich hätte gern ein bisschen mehr in unserer halben Wassergymnastikstunde geschwitzt, wenn es meiner Mitsportlerin gut getan hätte. Für mich ist es nur eine Entspannungssportstunde, für sie eigentlich dringend notwendige Erleichterung. Vielleicht nächstes Mal wieder, bei den zugesagten und eigentlich auch sonst immer vorhandenen 32 Grad. Ich werde ganz bestimmt demütig und dankbar, dafür wie gut es mir doch geht, meine große Klappe halten.

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