Schwimmbadttest / Marzahn

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Es ist Sommerferien und schon kann keiner mehr hingehen. Viele Hallenbäder sind zu oder haben komische Öffnungszeiten. Freibäder mag ich mitten in Berlin so gar nicht und an diesem Tag führen mich meine Wege ohnehin in den nördlicheren Osten, so dass ich einen Ausflug nach Marzahn mache.

Jawohl. Eine Kreuzbergerin mit Lieblingsbad SSE (Prenzlauer Berg) und ersatzweise dem schön kühlen Stadtbad Tiergarten (Grobe Verunreinigung/Moabit) nutzt die automobilen Möglichkeiten und so schunkele und staue ich mich auf der Landsberger Allee sehr stop&go gen Märkische Alle und Helene-Weigel-Platz. Dennoch: Es ist so schönes Sommerfeeling! Ich mache einen regelrechten Ausflug in den Osten. 13 Kilometer für einen Schwumm. Luxus!

Die Schwimmhalle Helmut Behrendt ist praktisch direkt hinterm S-Bahnhof Springpfuhl gelegen; man könnte also auch ohne Auto hinkommen, was aber von mir, von Kreuzberg aus, eine Weltreise wäre. Ist Ihnen übrigens in Berlin mal aufgefallen, dass die Hallenbäder im Osten alle Schwimmhalle, im Westen dagegen Stadtbad heißen? Gucken Sie mal auf die Übersicht der Berliner Bäder Betriebe, die hierzulande für beinah alle Bäder zuständig sind.

Ich bestaune also den zentralen Platz vor dem Rathaus Marzahn, nicht uneinladend, mit den üblichen Geschäften bis hin zu einem Spätabends-Kaiser’s versehen, und vor allem mit dem rostbraunen Klinkerbau des ehemaligen Rathauses Marzahn unübersehbar mittendrin. Wasndasn? Wie ich später nachlese, kein dem Abriss geweihtes 70er-Jahre-Monstrum, sondern inzwischen ein bespieltes Bürgerhaus; soso; Trash-Optik mitten auf dem wohlgestalteten, von echten Ost-Hochhäusern umstandenen Platz. Der Osten ist mir mit seiner Architektur bekanntermaßen nicht fremd, dennoch stehe ich in der Großsiedlung so alienhaft fasziniert herum. Das wäre aber in Hagen-Boele auch nicht anders. Ein kleiner Teich liegt linkerhand, Blümchen und Beete sind am Wegesrand angelegt; der Springpfuhl selbst ist auch ganz in der Nähe. Ich sehe im Hintergrund den Stern des ehemaligen Sojus-Kinos aufleuchten. Es ist halt viel Ehemaliges vor Ort …

Den Part Ausflug hätten wir damit also auch beinah vollumfänglich absolviert. Ich bitte allerdings zu entschuldigen, dass ich auf dem Weg zum Schwimmbad keine ausgewachsene Kamera dabei hatte, so dass Sie sich an dieser Stelle mit einem Link auf die Wikipedia zum Helene-Weigel-Platz zufrieden geben müssen.

Doch zurück zum eigentlichen Zweck: Schwimmen; Schwimmbadbesuch. Im Eingangsbereich der Halle eine superfreundliche Mitarbeiterin, die mir das Prinzip dieser – spezifisch östlichen? – Magnetschließarmbänder sogar an einem kleinen Extramodell zeigt und mir die Spielregeln (Wo Schuhe ausziehen? Wo ist welcher Durchgang?) aufs Netteste erläutert. Umkleiden, ein großflächiger Fön-und-Spiegelbereich entlang der rückwärtigen verglasten Längsseite und Duschen sind ebenerdig angeordnet. Es sind kurze Wege, alles ist gescheit saniert vor wohl nicht allzu langer Zeit. (Wer die Umkleiden und Wege im Spreewaldbad, treppauf-treppab und sehr länglich, kennt, der achtet auf solche Details!)

Ebenfalls ausschlaggebend für meine Wahl: ein 50-Meter-Becken – darauf steh ich ja. 28 Grad Wassertemperatur, okay. Der Temperatur schenke ich zunächst keine Beachtung, aber ich habe den Eindruck, dass es im Wasser ganz schön warm ist. Wärmer als im SSE und auf jeden Fall wärmer als in der Seydlitzstraße, wo bei 27 Grad eine für mich gefühlt optimale Temperatur im Becken herrscht. Dabei hat das SSE sogar nominell mit 26 Grad noch einen Grad weniger. Aber es kommt mir wärmer als das Stadtbad Tiergarten vor. Vielleicht liegt es ja am Alter, an der allmählich konstant nach oben orientierten Temperaturregulierung. Aber subjektiv ist mir Tiergarten am kühlsten, dann kommt das SSE und nun, in Marzahn bekomme ich nach 500 Metern das Gefühl von Warmbadetag. Was nur ein Grad ausmacht.

Aber es ist relativ leer in der Zwischen-Zeit so gegen 19 Uhr. Lange habe ich eine 50-Meter-Bahn nur für mich, da kann ich richtig abschalten, ohne ständig achtgeben zu müssen, wer mich überholt, wer mir folgt oder an wem ich vorbeiziehen muss. Herrlich! Ich groove mich nur ein bisschen ein mit zwei Runden Brust und kraule dann weiter. Da ich allein unterwegs bin, kann ich so lange im Wasser bleiben, wie es mir behagt und ich nutze das, bis ich 2.200 Meter hinter mir gelassen habe. Allerdings bin ich danach auch ordentlich platt, insbesondere, weil es mir letztlich doch zu warm ist; an einem lauen Sommerabend allemal.

Ein bisschen störend ist für mich die an- und abschwellende Musik von der Randbahn. Dort treten und paddeln die Aquafitness-Damen zu Krawummsmusik vor sich hin. Ich bin zwar entfernt davon unterwegs, aber da ich gern abschalte beim Bahnenziehen, ist mir das nichts. Voller wird es übrigens erst, als ich gegen 20 Uhr das Becken verlasse; viele junge Leute sind auf einmal im Wasser. Ist irgendwo eine Uni, ein Studentenwohnheim in der Nähe? Schüler sind es jedenfalls nicht mehr; außerdem sind gerade Sommerferien.

Beim Auschecken ist auch alles wieder sehr nett, gut nutzbar und unkompliziert. Ich fühle mich auch nicht unwohl, als ich das Bad in beginnender Dämmerung verlasse, um zum Parkplatz zu laufen. In mir unübersichtlichen Weltgegenden, die ich nicht kenne, bin ich da ja schon erst mal beim Andunkeln eher skeptisch. Aber nichts, alles okay, keine komischen Figuren. Praktisch, dass der Kaiser’s noch geöffnet ist und ich notwendige Einkäufe sogar so spät noch nebenbei erledigen kann.

Ich habe mich also wohl gefühlt, bei meinem Schwimm-Ausflug in den fernen Osten … und als ich dann noch über die Allee der Kosmonauten, die schmucklose breite Straße mit dem wohl poetischsten Namen in Berlin, zurückfahre, bin ich ein womöglich nicht besserer, aber auf jeden Fall besser trainierter und froherer Mensch.

Die Schwimmhalle Helmut Behrendt am Helene-Weigel-Platz bekommt von mir also das Prädikat Machensemal. Lohnt sich in Kombination mit einem Stadtausflug und geht vor allem mit Bad-Öffnungszeiten bis 22 Uhr werktags auch abends noch richtig gut.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für den Expeditionsgeist! Lass uns die Heimat erschwimmen!
    Ich hoffe schwer, dass es hier am Samstag trocken genug ist für meinen Test des Michaelibads (außen).

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  2. Au ja, Frau Kaltmamsell – wir ziehen unsere Bahnen durch die Heimaten!

    Danke, Frau Gröner. Mal sehen, welche Prädikate ich im Laufe des Freistilstaffelschwimmens noch erfinden werde.

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