Publikumsverkehr

Jugend am Sprungturm

Der Tag am Badesee beginnt früh. Ab 5.30 Uhr muss man damit rechnen, dass der oder die erste Schwimmer(in) sich forschen Schrittes dem Seeufer nähert. Meist schon in Schwimmkleidung, manchmal einen mehr oder weniger eleganten Bademantel darüber oder auch nur ein Handtuch um den Hals geschlungen. Es sind in der Regel grau-, bzw. weißhaarige Schwimmer(innen) deutlich jenseits des Rentenalters, mit hagerem noch recht durchtrainiertem Körperbau, die um diese Zeit ihre morgendliche Schwimmrunde absolvieren. Da der See für hiesige Verhältnisse relativ tief ist, schwimmen sie meist nur etwas hinaus in den See und kehren schnell zurück, denn um diese Zeit ist das Wasser noch recht kalt. Das weiß ich, weil ich mich von diesen Schwimmern bzw. Schwimmerinnen irgendwie herausgefordert gefühlt habe und es mal selbst probiert habe, so früh schon im See zu schwimmen.

Tatsächlich war es ein großartiges Erlebnis. Ich war an diesem Morgen wirklich die allererste Schwimmerin. Der See lag noch völlig unberührt, glasklar vor mir. Ich hatte einen guten Tag für diesen Morgenschwumm gewählt, und so war das Wasser über Nacht nicht ganz so stark abgekühlt, wie ich befürchtet hatte. Nach dem ersten „Hallo-Wach-Moment“, war es dann auszuhalten eine Weile zu schwimmen. Die Bäume des Waldes standen noch recht dunkel am Ufer, die Vögel waren etwas verhalten unterwegs. Während ich im See schwamm und rechts und links hinter mir eine Perlenkette von Luftblasen die Bahn markierte, ging dann die Sonne langsam hinter den Bäumen auf und warf ihr Licht zwischen den Bäumen hindurch aufs Wasser, wo sie eine sich langsam verbreiternde und immer intensiver leuchtende Spur zog. Für eine kleine Weile hatte ich diese morgendliche Idylle noch für mich alleine, dann sah ich, wie sich am Ufer der erste Senior näherte. Der wiederum war reichlich irritiert, dass da offenbar schon jemand vor ihm in den See gestiegen war. Die morgendlichen Schwimmer sind eine kleine aber eingeschworene Truppe und mich kannte er natürlich nicht. Wir nickten uns nur kurz zu, und ich bildete mir ein, dass in seinem Nicken ein Hauch von Anerkennung mitschwang.

An manchen Tagen kann es im Laufe des Vormittags passieren, dass plötzlich ein Mann in einem Neoprenanzug am See auftaucht, wort- und grußlos ins Wasser steigt und so gut wie lautlos Richtung gegenüberliegendes See-Ende davon krault. Diese Szene hat immer etwas irgendwie Geheimnisvolles und Irreales. Da der Mann sehr schnell unterwegs ist, ist er recht bald kaum noch mit bloßem Auge auszumachen, und man fragt sich, ob er überhaupt wirklich da gewesen ist oder ob man ihn sich nur eingebildet hat. Wenn er zurückkehrt, steigt er genauso wortlos und kaum ausser Atem wieder aus dem Wasser und verschwindet. Wohin, weiß niemand.

Ansonsten bleibt der See am Vormittag meist von weiteren Schwimmern verschont. Selten mal sieht man Touristen, die im Landgasthof übernachtet haben, die in einem heroischen Akt gegen 10 Uhr einen Morgenschwumm absolvieren aber meist nicht lange im Wasser bleiben, weil sie doch von der Kühle des Wassers überrascht sind. Selbiges gilt für die Gäste des Seeschlosses an einem der Seitenufer des Sees. Die haben sogar einen eigenen Zugang zum See direkt auf dem Hotelgelände. Aber unter diesen Gästen ist es noch seltener, dass sie schon so früh am Tag im See schwimmen.

Am späten Mittag, so etwa ab 14.00 Uhr (die Mecklenburger stehen sehr früh auf und essen dementsprechend auch schon sehr früh zu Mittag; so etwa ab 11 Uhr (!)) tauchen die ersten Mütter mit Kleinkindern auf. Sie breiten große Badelaken oder Decken aus, lagern sich auf dem Rasen unter den uralten Bäumen und lassen die Kleinen ihren Mittagsschlaf in deren Schatten beenden. Wenn die Kleinen dann ausgeschlafen haben, geht das Plantschen im Bereich des breit angelegten Einstiegs in den See los. Es wird deutlich lauter am See.

Zwischen 15.00 und  16.00 Uhr tauchen dann die ein wenig älteren Geschwister und die ersten Teenies und Jugendlichen am See auf. Die Teenies fallen gleich in kleinen Horden ins Gelände ein und schleppen allerhand Zeug wie Luftmatratzen, aufblasbare kleine Bötchen, Bälle, etc. mit sich. Nun geht das Gekicher und Geschrei los. Wenn man ihr Verhalten am See in ein Wort fassen müsste, würde ich sagen: raumgreifend!

Die Mütter der Kleinkinder werden sichtlich nervöser und versuchen kleinere Zusammenstöße und Unfälle zu vermeiden. Die wilde Horde rennt sonst schon mal gerne eines der kleineren Kinder um, oder es brechen plötzlich wilde Wasserschlachten aus, in deren Spritzgewittern die Kleinen schnell mal die Orientierung verlieren oder von Wasserspritzerkasskaden getroffen in lautes Geheul ausbrechen. Dann ist es aber mit der Geduld der Mütter auch vorbei und sie rufen die Teenies mit deutlichen Ansagen zur Ordnung. Für etwas fünf Minuten trägt das durchaus Früchte. Danach geht das Theater von vorne los. Trotzdem scheinen sich alle prächtig zu amüsieren.

Etwas zwischen 16.00 und 17.00 Uhr tauchen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene auf; entweder in kleiner Cliquen-Stärke oder als Pärchen. In der Regel orientieren sie sich gleich in Richtung auf den Badesteg ganz rechts. Der hat nämlich eine Besonderheit, einen Sprungturm. Der mittlere Badesteg wird in erster Linie gerne von Touristen belegt, der linke Badesteg von den Einheimischen, die dem Jugendalter entwachsen sind. Die Einheimischen wandern allerdings im Laufe des Nachmittags bzw. gegen Abend, wenn die Schatten anfangen den linken Badesteg zu fressen weiter auf den mittleren Steg.

Aber zurück zu den Jugendlichen, die auf dem ganz rechten Badesteg ihr Lager aufschlagen und dort gerne Stunden mit allerhand Balzgehabe zubringen. Die männlichen Exemplare sondern allerhand coole Sprüche ab, reißen in einem fort Witze und stolzieren  auf dem (sehr langen!) Badesteg herum. Dabei präsentieren sie ihre braungebrannten und antrainierten Muskeln inklusive erster Tattoos. Die holden Jungfrauen jungen Mädchen tun betont uninteressiert und linsen doch höchst aufmerksam, was die Gockelchen jungen Kerle da so aufführen.

In unregelmäßigen Abständen brechen kleine Hahnenkämpfe aus, die meistens damit enden, dass sich die Kerle gegenseitig ins Wasser werfen, bis sie auf die Idee kommen, dass es noch lustiger wäre, die Mädchen ins Wasser zu werfen. Großes Gekreisch und halbherzig vorgebrachte Drohungen, die natürlich nichts nutzen, von Seiten der Mädchen und am Ende sind sie alle im Wasser. Einige werfen sich gegenseitig kleine Tennisbälle oder Ringe zu, andere sondern sich in Pärchen von der Gruppe ab und schwimmen weiter hinaus oder in Richtung einer der kleinen etwas abgelegeneren Ufereinbuchtungen.

Jugend am Sprungturm

Haben die Mädchen keine Lust mehr im Wasser zu sein, wandern alle wieder auf den Steg und die Jungen erklettern den Sprungturm und zeigen ihre Sprungkünste. Wer darin nicht sonderlich talentiert ist, probiert es mit Arschbomben (knapp neben die auf dem Steg sonnenden Mädels gezielt), deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nach meiner Beobachtung bringt das aber eher weniger Sympathiepunkte, erzeugt aber wieder viel Gekreisch.

Jugend am Sprungturm

Bei den springenden Jungs sind meist auch ein oder zwei Mädels, die die Rolle „Kumpel zum Pferdestehlen“ geben und ebenfalls unter dem großzügig anerkennend (allerdings auch ohne jeglichen erotischen Beiklang) gewährten Beifall der Jungs ihre Sprungkünste zeigen.
Haben sich alle müde gesprungen, gibt es gerne auch noch diverse Wettschwimmen: Jungs gegen Jungs, Jungs gegen Mädels. Danach ist Chillen (und Schmusen) auf dem Badesteg angesagt. Manche verlegen das Schmusen aber auch unter oder gleich hinter einen der rückwärtigen alten Bäume auf der Liegewiese.

Ab 16.00 Uhr etwa (nach dem Tee!) sieht man dann auch erstmals Gäste des Seeschloß-Hotels in größerer Anzahl auf den bereitgestellten Liegen und an ihrem Badesteg, wo sie ins Wasser steigen und im hinteren Teil des Sees ihre Bahnen ziehen. Von dort nähert sich dann auch erstmals das ein oder andere Tret- oder Ruderboot, dem Badebereich des normalen Seepublikums. Aber die Gäste vom Hotel bleiben in der Regel lieber unter sich. Selten mal verirren sich welche – erkennbar am hoteleigenen strahlendweißen Bademantel – zum allgemeinen Badeplatz.

Noch eine weitere Gruppe taucht ab etwa 16.00 Uhr wieder am See auf. Die Rentner und Alten aus dem Dorf. Stoisch marschieren sie durch das Bade- und Plantsch-Chaos im Uferbereich und schwimmen dann diszipliniert ihre Bahn im See. Danach gehen manche gleich wieder nach Hause. Andere übernehmen die Aufsicht über ihre kleinen Enkelkinder und entlasten die Mütter etwas. Wieder andere setzen sich auf den ganz linken oder den mittleren Badesteg und tauschen sich mit anderen Senioren über den neuesten Dorfklatsch aus oder kommentieren das Bade- und Schwimmgeschehen.

Ab 17.00 Uhr tauchen dann die ersten Väter auf, die sich zu ihren Frauen und kleinen Kindern gesellen und sich eine Abkühlung und Erfrischung nach der Arbeit gönnen. Meist übernehmen sie dann auch die Aufsicht über die Kinder und Oma/Opa bzw. die Mütter können selbst nochmal eine Bahn durch den See schwimmen. Lange müssen die Väter die Kleinen aber nicht beaufsichtigen, denn die meisten Familien mit kleinen Kindern packen dann bald ihre Sachen und orientieren sich heimwärts (Mecklenburger stehen nicht nur sehr früh auf, sie gehen auch früh schlafen). Auch viele Touristen räumen langsam ihre Badetücher und Decken zusammen, suchen Schwimmequipment und eisen ihre Kinder vom See los. Das Abendessen ruft!

Die Jugendlichen und einige ältere aber relativ jungverliebte Paare sind in der Regel die Ausdauerndsten am See und schwimmen immer wieder mal hinaus auf den See. Doch je tiefer die Sonne  hinter die Bäume sinkt, je weiter die abendlichen Schatten sich vorarbeiten desto mehr nehmen auch die Mücken überhand und irgendwann vergeht es auch dem letzten, noch im See zu schwimmen oder auf dem Badesteg oder der Badewiese als Selbstbedienungsbüffet für die Mücken zu dienen.

Später als 20.00 Uhr sieht man höchstens noch frisch eingetroffene Touristen, die im Landgasthof abgestiegen sind, die nach der anstrengenden Anreise oder nach einem langen Ausflugstag noch schnell eine Abkühlung im See (vor der Tür) nehmen wollen. Es sind zwar vielleicht auch noch Jugendliche am See aber die bleiben dann auf dem Badesteg und steigen nicht mehr ins Wasser.

Ist die Sonne schließlich ganz untergegangen, kehrt endgültig Ruhe ein am See. Höchstens noch das ein oder andere verliebte Pärchen (Einheimische oder Touristen) ist irgendwo auf einem der in Dunkelheit gehüllten Badestege. Man hört sie bei entsprechender Windrichtung flüstern und kichern.

Ganz ganz selten, gibt es jemand Verrücktes, der wenigstens noch ein paar Züge im Stockfinsteren macht. Ich fühle mich herausgefordert und irgendwann wird der Tag kommen, wo ich ganz allein bei Vollmond im See schwimmen werde.

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