Der Klemmstein von Vico

Seit Januar 2011 bade ich andauernd im Meer. Baden statt schwimmen. Mich interessiert weniger das Wasser als das Litoral, die Saumbereiche zwischen Erde und Wasser. Schwimmen ist eher Mittel zum Zweck. Das Meer hinter dem Litoral ist sowieso Nirvana.

Es geschieht im Oktober 1902. Das ist natürlich ausgedacht, es könnte auch 1802 oder 2002 sein. Die überhängende Rückwand der Schlucht zeigt Schwächen. Erst ist es nur ein Riss, dann ein Spalt, dann eine Lücke. Dann löst sich ein kühlschrankgroßer Stein vom Felsen. Die Schwerkraft ist stärker als die Anziehung der Kristalle, aus denen der Stein besteht. Der Stein fällt. Er kommt nicht weit. Nach fünf Metern verkeilt er sich zwischen den Wänden der Schlucht, die nach unten zusammenlaufen. Der Stein klemmt fest.

Es war so einfach, ihn zu ignorieren. Ein Jahr lang schwamm und kletterte ich um ihn herum, ohne, dass er mir auffiel. Zwar sah ich die meterhohen Klippen aus Granit. Ich sah auch die tiefen Spalten zwischen den Granitblöcken. Das Rinnsal, das über den Pfad läuft und dann, auf dem Weg ins Meer, zwischen den Felsen versickert. Die Napfschnecken an den nassen Steinen. Die Risse und Stufen im Granit. Nur den Klemmstein sah ich jahrelang nicht, obwohl er direkt vor meinen Augen war.

Im “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” erfindet Douglas Adams das “PAL”-Feld, eine Methode, ein großes Objekt verschwinden zu lassen, ohne es wirklich verschwinden zu lassen. Man macht es zu einem PAL, einem Problem anderer Leute. Der Klemmstein ist eindeutig nicht das Problem der allermeisten Leute, wenn es andere Leute gibt, deren Problem er ist, dann muss ich sie noch finden. Selbst Jim, der zu jedem Grashalm an der Badestelle eine persönliche Beziehung hat, nahm den Klemmstein nicht einmal zur Kenntnis, als ich darauf zeigte und laut “da, ein Klemmstein” sagte. Ich musste es dreimal sagen.

Als ich den Stein einmal bemerkt hatte, konnte ich nicht mehr wegsehen. Es war ganz offensichtlich, welche Aufgabe ich lösten musste. Es galt, auf dem Klemmstein zu stehen. Es ist keine leichte Aufgabe, aber auch keine unlösbare. Sie korrespondiert einwandfrei mit meinen Fähigkeiten. Im Vergleich zu den anderen Badenden sind meine Kletterfähigkeiten relativ beeindruckend, im Vergleich zu richtigen Kletterern jedoch eher erbärmlich. Dasselbe kann man über meine Risikobereitschaft sagen. Der Klemmstein ist genau so angebracht, dass er die meisten anderen unmöglich, für echte Abenteurer langweilig, für mich jedoch herausfordernd ist.

Ein Beobachter auf dem Stein befindet sich in einer bemerkenswerten Position. Der Eingang zur Schlucht liegt direkt gegenüber der Ebbeleiter, drei, vier Schwimmstöße entfernt. Der Klemmstein selbst ist nur von einer einzigen Stelle der Badestelle sichtbar, vom vordersten Ende des Steges, allerdings nur, wenn man sich ein wenig vorbeugt. Selbst wenn die Badestelle voll ist mit nackten Menschen, auf dem Klemmstein bliebe man unbemerkt. Mehr noch – vom Stein aus sind Orte sichtbar, die man ansonsten gar nicht betrachten kann. Man steht direkt vor dem Hinterende der Schlucht, das überdacht ist und daher eher ein Loch ist als eine Schlucht. Ein tiefes, dunkles, nasses Loch. Verborgen zu sein und Verborgenes sichtbar zu machen, das ist das Karma des Klemmsteins.

Die Bezwingung des Klemmsteins: eine Aufgabe mit zwei sehr unterschiedlichen Lösungswegen. Bei Ebbe ist der Stein nur durch Klettern zu erreichen. Die Schlucht ist fast trocken, ihr Boden sichtbar, der Klemmstein mehrere Meter in der Luft.   Man muss von oben in die Schlucht hineinsteigen, sich an ein paar Vorsprüngen hinuntertasten, bis man auf dem Klemmstein steht. Nachteil: Man kann abrutschen und am Boden zerschellen. Wahrscheinlichste Todesart: Genickbruch.

Bei Flut stellt sich das Problem völlig anders da. Der Stein ist jetzt bis zur Oberkante mit Wasser bedeckt, die Wände der Schlucht nass, klettern zu riskant. Stattdessen kann man zum Stein schwimmen. Nachteil: Die Schlucht ist zu eng für Schwimmbewegungen. Außerdem verstärkt sie die Wellen, selbst bei geringer Dünung entstehen in der Schlucht meterhohe Wasserberge. Wahrscheinlichste Todesart: Würdeloses Ertrinken.

Ich erreiche den Stein genau zweimal bei Flut und einmal bei Ebbe. Für die Nachwelt empfehle ich die Flutbesteigung. Man benötigt einen sehr ruhigen, warmen Tag, vielleicht im Sommer oder Herbst, am besten bei Voll- oder Neumond, damit die Flut schön hoch steht. Solche Tage sind selten, aber wenn man einen findet, ist der Klemmstein ein Kinderspiel. Zwei, drei Planschbewegungen in der Schlucht, dann ein halber Klimmzug, und fertig.

Ein anderes Mal klettere ich hinunter. Es ist spät am Abend, niedrige Ebbe, niemand außer mir an der Badestelle. Das Problem: Ich komme nicht wieder raus. Die Wände der Schlucht sind glatt und nass, die wenigen Griffe und Tritte zu hoch. Eine Weile stelle ich mir, auf dem Klemmstein zu warten, bis die Flut zurückkommt, sechs Stunden lang, bis tief in die Nacht hinein. Käfer so groß wie mein Daumen krabbeln um mich herum. Liga oceanica, die Klippenassel, oder auf englisch der Kakerlake des Meeres. Schließlich benutze ich eine Napfschnecke als Fußtritt. Sie hält lang genug, um den nächsten Griff zu erreichen, bricht dann aber unter meinem Gewicht ab. Den Angehörigen der Napfschnecke möchte ich noch mitteilen, dass es mir leid tut.

Vom Klemmstein aus gibt es viel zu sehen. Das Loch am Ende der Schlucht ist eindeutig mehrere Meter tief, es reicht bis unter den Pfad. Wasser topft aus dem Überhang, aus den Wänden, aus dem Loch selbst. Die Schlucht ist selbst an warmen Sommertagen kalt und nass. In absehbarer Zeit wird das Dach der Schlucht nachgeben und einstürzen. Der gesamte Abhang, der auf den Klippen ruht, wird abrutschen. Es kann jede Minute passieren, der geologische Zeitpfeil ist unmissverständlich. Der Tag wird in die Geschichte eingehen als “der große Erdrutsch von Vico”. Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein. Ich kann es kaum erwarten.

Die Amerikaner haben es geschafft, insgesamt zwölf Männer auf dem Mond zu schicken. Zwölf Männer standen auf dem Felsen, der 384000 Kilometer von der Welt entfernt ist. Außer mir stand kein einziger Mensch je auf dem Klemmstein, der nur drei Meter von der Welt entfernt ist. Jedenfalls werde ich das behaupten.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wow! Sehr ungewöhnliche packende Geschichte mit grandiosem Ende! Werde ab jetzt immer mit einem Ohr horchen, ob in den Nachrichten was vom große Erdrutsch von Vico berichtet wird.

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