Wie ich zur Outdoor-Schwimmerin wurde

Badestelle am See

Vor einigen Jahren hat es mich nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen. Ein Wassermensch bin ich schon immer gewesen aber bis dahin doch eher in Schwimmbädern unterwegs. Schwimmbäder gibt es in Mecklenburg-Vorpommern natürlich auch. Tatsächlich sind es eher »Bade-Oasen« als klassische Schwimmbäder. D.h. relativ viele eher kleinere Becken, die sich nicht wirklich zum Bahnenziehen eignen. Schon gar nicht, wenn es etwas voller wird, was besonders in der Hauptsaison der Fall ist, wenn jedes Jahr ansteigende Touristenmassen im Land einfallen.

Alternativ gibt es hier aber Seen über Seen. Fast jedes kleine Dorf verfügt über einen mehr oder weniger großen See. Auch unser Dorf hat seinen eigenen See, der wegen seiner erhaltenen Natürlichkeit plus guten Größe plus bester Wasserqualität einen guten Ruf in der ganzen Gegend hat. 98% der Besucher bleiben allerdings in Ufernähe, so dass man als Schwimmer den Rest des Sees fast vollständig für sich hat.

Im ersten Sommer beäugte ich den See noch mit einer guten Portion Misstrauen. Ich meine, wer weiß, was da so alles rumschwimmt, in diesem See?! Fische ja schon mal auf jeden Fall, und da weiß man nicht so genau was die, wenn sie nur hungrig genug sind, mit einem anstellen! Aber auch anderes Getier tummelt sich natürlich in so einem Gewässer (z.B. schwimmende Schlangen, was ich aber zum Glück erst nach einigen Jahren sah!).

Andererseits, reizte mich das kühle Nass aber auch. Der Tag kam, an dem ich vorsichtig dann doch mal das Experiment wagte, und das war der Beginn meines Outdoor-Schwimmerinnen-Daseins. Inzwischen freu ich mich immer schon auf den Sommer, weil ich dann endlich wieder im See schwimmen kann. Hin und wieder beschleicht mich immer noch für Momente ein diffuses Unbehagen aber dann gelingt es mir, es zu verdrängen und mich lieber wieder auf die positiven Dinge zu konzentrieren. Auch andere Seen hier in der Umgebung habe ich mir inzwischen schon »erschwommen«. Was für ein herrlicher und vor allem kostenloser Luxus!

Kacheln zählen kann ich beim Schwimmen im See natürlich nicht, alternativ kann ich Bäume oder Wasservögel zählen, was auch schön ist. Bei einer See-Länge von 730 Metern und einer See-Breite von 370 Metern (Seetiefe bis zu 10 Meter) kann ich wunderbar meine Bahnen ziehen, je nach Tagesform. Bei mir fremden Seen bin ich immer noch etwas zurückhaltender, besonders, wenn sie flacher sind und es ordentlich Unterwasserpflanzen gibt. Das mag ich nämlich gar nicht, wenn da was an meinem Körper entlang streicht, und ich weiß nicht, was!

Schwimmen im See

Es ist wunderbar, wenn ich den See durchschwimme und ein oder zwei Haubentaucher begleitet mich mit etwas Sicherheitsabstand. Oder Familie Blässhuhn zieht an mir vorüber. Vater vorneweg, Mutter hinterher, evtl. ein oder zwei der Küken auf dem Rücken und dann noch zwei oder drei weitere Küken, die vorwitzig in meine Richtung paddeln, bis sie zurückgepfiffen werden. Oder auf dem Rücken schwimmend zuschauen, wie die Fisch- und Seeadler hoch über mir ihre Kreise ziehen.

Wenn ich im See schwimme, bin ich ganz bei mir. Mehr als irgendwo sonst. Ich kann loslassen, mich selbst, meine Ängste, Selbstzweifel, Ärger, Stress und was mich sonst alles gerade kopfmässig beschäftigt und das ist meist (zu) viel.
Ich liebe es, wenn es still wird in meinem Kopf und ich nur noch spüre. Meinen Körper, der durch das Wasser gleitet, das Wasser, das an meinem Körper perlt, den Wind der über meine Haut streicht.
Schwimmen im See, das ist eine Zuflucht für mich, ein Rückzugsort, an dem ich eine Pause nehmen kann von all den Eindrücken, die sonst auf mich einprasseln. Wenn ich ans Ufer zurückkehre bin ich innerlich geklärt und aufgeräumt, kann ich wieder freier atmen, bin mir selbst wieder ein ganzes Stück näher.

Die Bank am See

Ansonsten vertrete ich ja die Ansicht:
Wer Literatur (Bücher) und Schwimmen als feste und regelmäßige Bestandteile in sein Leben integriert hat, der ist auf eine sehr spezielle Weise ein glücklicher Mensch, egal was ihm das Leben sonst noch austeilen mag.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ok, so weit, so nachvollziehbar. Aber wie schaffst du es, geradeaus zu schwimmen? Mein letzten Versuche in Seen scheiterten daran, dass ich alle zweimal Luftholen nach vorne hätte schauen und mich orientieren müssen – wo ich doch gedankenverlorenes Schwimmen liebe.

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    • Du könntest auf die Mitte des Sees gehen. Es gibt im Schlachtensee, der lang und schmal ist, zwei Leute, die jahreinjahraus morgens im schwarzen Vollkörper-Anzug den See längs kraulen. Die weichen immer mal ab, können aber schnell korrigieren. (Wobei die gespenstisch sind, kein überflüssiger Wasserspitzer, ganz leise und ganz schnell.)

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      • Hehehe. So ein Vollkörper-Anzug-Schwimmer taucht hier auch ab und an mal auf und es ist genauso, wie Du es beschreibst: „gespenstisch, kein überflüssiger Wasserspritzer, ganz leise und ganz schnell“
        Bin ich gerade auch im See unterwegs komm ich mir neben dem vor wie ein Bleiente.

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  2. Naja, im See kommt es ja nicht so sehr auf eine schnurgerade Schwimmbahn an. Theoretisch kannst Du da auch in Schlangenlinie durchschwimmen. Ich orientiere mich meist, indem ich versuche ungefähr den gleichen Abstand zum Ufer zu halten, was ich auch alle paar Schwimmzüge (Kraulen) mit einem Blick zur Seite kontrolliere. Nicht zu vergessen ist dabei die Strömung, die unterschiedlich stark sein kann und einen auch „aus der Bahn“ bringen kann. Wenn sie stark ist, muss ich eh alle paar Schwimmzüge etwas korrigieren. Manchmal hilft es aber auch beim Auftauchen nach dem Schwimmzug (Brustschwimmen) einen markanten Punkt am anderen Ufer (Horizont sozusagen) anzupeilen. Wenn Du regelmässig im See schwimmst, machst Du das irgendwann automatisch und schwimmst auch wieder gedankenverloren.

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  3. Hach, wie mir das aus der Seele spricht. Gut, ich bin auf dem Land aufgewachsen und im See schwimmen ist normal, aber das Gefühl dabei – das kann ich genau nachvollziehen.

    Die Entspannung ist von einer anderen Art, was vermutlich an der Natur liegt. Die anderen Menschen sind nicht nur räumlich ganz weit weg und trotzdem ist man Teil von etwas. Klang das jetzt zu esoterisch? Was ich sagen wollte: Danke, toller Beitrag.

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  4. @frifricoco – Ähm, ich hätte vielleicht nicht googeln sollen, was Zerkarien sind. *grusel*

    Weiß jemand hier ob die Anzahl von Zerkarien im Wasser eine Rolle bei der Bewertung der Badewasserqualität, spielt?

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