Elbeschwimmen 2014 – Die Miz Kitty-Version

Wiedereinstieg

In Jahren mit besserem Trainingszustand, weil die Dame-Wasserstraße direkt vor dem Wohnzimmerfenster zum morgendlichen Schwimmen einlud und ich irgendwann vor Kondition nicht mehr wusste wohin, war ich bereits auf einigen Mittelstrecken-Schwimmen. Ich schwamm auf dem Müggelsee und auf dem Greifswalder Bodden und einmal auch so ganz für mich rund um den Stechlinsee. Forrest Gump lief, ich schwamm.
Dann war eine ganze Weile gesundheitsbedingte Zwangspause angesagt und ich traute mich nicht mehr so recht. Anmeldung, Startgeld, Wettbewerb, irgendwo hinfahren und dann womöglich doch an der Kondition zweifeln und nicht mitmachen oder – noch schlimmer – von der DLRG aus dem Wasser gezogen werden, das wollte ich mir nicht antun.
Nun gibt es aber in meinem Leben einen Mann, der mitschwimmt. Zum ersten Mal. Früher war ich mit meinem Hobby immer sehr allein, nun nicht mehr. Und so ereignete es sich, dass wir nach Dresden zum Elbeschwimmen fuhren. Ich war gern mit von der Partie, auch wenn ich eigentlich bis zum letzten Moment unsicher war, ob ich wirklich ins Wasser gehe, konnte ich doch an eine gute Tradition anknüpfen. Mein Großvater schwamm hier schon in den 20er Jahren. Die heutige Jugend hat als pubertäre Mutprobe S-Bahnsurfen, die jungen Rüpel aus Dresden-Leuben schwammen durch die Elbe und tauchten unter der Kette durch, die ein Dampfschlepper für einen Moment vom Flussgrund aus dem Wasser hob. Nicht ungefährlich, deshalb gab es hinterher, wenn es der Vater denn erfuhr, eine Tracht Prügel. – Das zum Kapitel „die heutige Jugend“ und „es wird immer schlimmer!“

Elbeschwimmen ist Spaß, kein Wettbewerb

Das war mir von Anfang an sympathisch. Da erobern Leute einmal im Jahr den Fluss, mit dem sie leben, der ihnen manchmal Drama und Hochwasser beschert und das Stadtbild unverwechselbar macht. Eine schöne Vereinigung mit der Natur.

Der Elbebogen bei Regen einen Tag später.

Der Elbebogen bei Regen einen Tag später.

Seit 1998 steigen die Dresdener hier in August ins Wasser und schwimmen vom Blauen Wunder bis zum Fährgarten Johannstadt. Die 3,5 km-Strecke nimmt einen weiten Flussbogen vor der Altstadt und führt an den drei Elbschlössern vorbei. Die Veranstaltung ist sehr unprätentiös und locker. Der Organisator Dr. Dietrich Ewers sammelt mit freiwilligen Helfern kurz vorher Geld zur Bezahlung der Sicherung vom Wasser her ein – das übernehmen Boote von der DLRG*, die Sachen werden einfach auf einen Transporter geworfen und in den Johannstädter Elbwiesen wieder abgeladen, die Schifffahrtsgesellschaften bekommen Bescheid, dass sie aufpassen sollen und die Wohnungsbaugesellschaft Johannstadt spendiert hinterher Bier und Bratwurst. Der Gemeinsinn trägt so etwas und das gilt sogar für die Rekordteilnehmerzahl von 1200 Menschen. Das Publikum ist volkssportgeprägt und kommt aus allen Altersklassen, die wenigen Fitnessposer gehen in den Wogen von freundlichen Waschbärbäuchen einfach unter.

Die Wasserqualität ist mittlerweile für einen großen Fluss sehr ok., die ganz üblen Industrie-Dreckschleudern sind schon seit Jahren außer Dienst gesetzt. Nur bei Hochwasser und Wolkenbrüchen ist das Wasser nicht sauber, weil es dann ungeklärt in den Fuß kommt bzw. alte Schlämme aufgewirbelt werden. Es ist braun und voller Sedimente, die Elbe trägt viel vom Riesengebirge, dem sie entspringt, mit sich. Was man noch wissen muss: Auch wenn ein großer Fluss mächtig aussieht, tief, reißend und gefährlich ist er meist noch lange nicht. Wir schwammen bei 1,10m Pegelstand (die Transportschifffahrt pausiert wegen zu geringer Wassertiefe) und moderater Strömung, da muss man sogar weit hineingehen, bis man nicht mehr stehen kann.

Flußschwimmen ist wie fliegen

Nachdem ich über die Steine der Uferbefestigung hineingestakst war und mich in bauchhohem Wasser in Schwimmlage begab, übernahm der Fluss die Regie. Schon bei Bewegungen, die einen lediglich über Wasser halten, haben Schwimmer das Tempo der Radfahrer vom Elberadweg nebenan. Als ich dann noch etwas durchzog, mich stach der Hafer, denn es fühlte sich an wie zu alten Zeiten, außerdem wollte ich aus einem engen Pulk Leute rauskommen, wurde ich richtig schnell. Die Geschwindigkeit reguliert sich außerdem dadurch, welche „Bahn“ man nimmt. Außen am Prallhang geht es schneller, innen am Gleithang schwimmt es sich gemächlicher, wird aber auch manchmal recht flach. Ich nutzte die Zeit im ersten Drittel der Strecke, um mich immer mal auf den Rücken zu drehen und zurück aufs Blaue Wunder zu sehen. Keine elegante Brücke, eher ein wunderliches, eisberghaftes Gebilde. Im zweiten Drittel, als es schnell an Weinbergen und den Schlössern vorbeiging, fühlte ich mich euphorisch, die Villenbesitzer staunten von oben die sonderbaren Wasservögel an, manchmal gelang ihnen sogar ein huldvolles Winken. Die Leute in den Schiffen, die vorbeikamen, freuten sich hingegen ein Bein ab und fotografierten, was das Zeug hält. Im letzten Drittel kam die Waldschlößchenbrücke und dann war es wichtig, ans linke Ufer zu schwimmen und das Tempo zu reduzieren, um den Ausstieg nicht zu verpassen. – Was ich hier gelernt habe: Mit dynamischen Wasser muss der Mensch kooperieren, es macht gar keinen Sinn, sich zu verausgaben, um exakt dorthin zu kommen, wo man will und wie man will, dann wird es nur gefährlich. Wenn man sich von der Strömung tragen lässt, ist es ein überwältigendes Gefühl.

Danach

Am Ufer erwartete uns ein Volksfest mit Rumtata, Hüpfburg und Zuckerwatte und die vietnamesische Community hatte den Ausstieg mit Lotusblüten und Ehrenjungfrauen dekoriert. Der Organisator und die Helfer ließen sich feiern.

Elbeschwimmen 2014

Dr. Dietrich Ewers und die Damen des vietnamesischen Begrüßungskommitees

Elbeschwimmen 2014

Ein freundlich hergerichtetes Ziel und „Ehrenjungfrauen“, die sich abkühlen

Wir duschten uns kurz ab, obwohl zumindest ich mich nicht sehr schmutzig fühlte, das ist in den Berliner Gewässern oft schlimmer, und feierten mit Bier, Bratwurst und Zuckerwatte ein wenig mit. An diesem Tag ertrug ich sogar das furchtbare Sing, mei Sachse, sing mit einem Lächeln. Ein T-Shirt bekamen wir leider nicht mehr, das hatten nur die bekommen, die schnell waren.

Der Weg zurück nach Loschwitz, wo wir logierten, war mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr umständlich zu erreichen. Das Elbetaxi, das am Steg lag, verlangte mit 10 € pro km einen Mondpreis (Begründung: das Anlegen wäre am Blauen Wunder so schwierig). Also liefen wir den Elberadweg zurück, ein warmer Sommerregen kühlte uns etwas ab, es war himmlisch.

*ich wurde per Kommentar freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die freiwilligen Helfer von der Wasserwacht sind.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hach! Ich habe ja mal Sommerurlaub in Dresden gemacht (2001?) und damals zu meinem großen Unglück erst am Folgetag aus der Lokalzeitung erfahren, dass es ein Elbeschwimmen gegeben hatte. Seither denke ich daran. Findet das immer an einem Wochenende statt?

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  2. Pingback: Frau … äh … Mutti » Archiv » Schnell an den See

  3. @kittykoma
    Fairerweise sollte man schreiben, dass nicht die DLRG die Absicherung des Schwimmens in ehrenamtlicher Arbeit machte, sondern es halfen Mitglieder der DRK Wasserwacht in ihrer Freizeit, um im Notfall für über 1000 Schwimmern mit Booten und Personal vor Ort zu sein.
    Auch das Elbeschwimmen hat eine Internetseite (http://www.elbeschwimmen-dresden.de), welche den nächsten Termin im Januar 2015 ankündigt.

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    • Ich hatte nicht die Absicht, unfair zu sein, ich wußte das nicht. Aber ich werde das heute als edit einfügen und die Website des Elbeschwimmens ist im Post bereits verlinkt.

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